Leseprobe – Shindana – Welt aus Eisen


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»Barockgärten!«, sagte er leise. »Jetzt weiß ich es endlich.«

Das Mädchen auf dem Barhocker drehte sich, als sie seine dunkle Stimme hörte, betont langsam um. Ihr hellgrünes Haar war spiralig um ihren Hinterkopf frisiert. Sie sah ihn aus grauen Augen unter langen Wimpern ruhig an.

»Ist Ihnen das in der letzten halben Stunde eingefallen?«, fragte sie mit leichter Ironie.

Er nickte. »Ich habe lange gebraucht, aber der grüne Schnörkel über Ihrem Nacken hat mich darauf gebracht. Barockgärten. Das ist es«, sagte er und deutete auf den leeren Hocker neben ihr. »Darf ich mich neben Sie setzen?«

Sie lächelte vorsichtig. »Was ist mit diesen verdammten Barockgärten los?«, fragte sie dann. Sie hatte eine dunkle, sehr beherrschte Stimme.

Asger setzte sich, hob den Arm und wartete, bis der Mann hinter der Bar auf ihn aufmerksam wurde. Dann sagte er halblaut: »Wir haben diese Gärten noch, in Europa, auf der Erde. Und man hat einen von ihnen nachgestaltet, weitaus prächtiger, aber in einer etwas barbarisierenden Art. Auf Omikron Zodiak. Sie sind genau der Typ, mit dem man in einem solchen Garten spazieren gehen möchte.«

Der Barmann stellte den Sekt, abgefüllt in einen Silberbecher, vor Asger hin.

»Soll das ein Kompliment sein?«, fragte sie.

»Ja. Ein beachtliches. Omikron Zodiak kann ich Ihnen nicht mehr bieten, aber Sie bleiben sicher eine Zeit lang auf der Erde?«

Sie zwinkerte zustimmend, als er den Silberkelch hob. »Vermutlich. Das hängt davon ab, wie lange Ihr Doppelgänger aufgehalten wird. Er hat bei Kartograph-Center zu tun.«

Asger steckte den Schlag mit unbewegtem Gesicht ein; es war indes riskant, nur zwanzig Lichtjahre von Dagny Tamayo entfernt eine neue Bekanntschaft zu machen, und überdies konnte nicht einmal er erwarten, das Glück seines Lebens in der Bar eines Sternenschiffes kennenzulernen. Was hatte sie gesagt? Doppelgänger. Er beschloss, hier einzuhaken.

»Sie sprachen von einem Doppelgänger. Wenn dieser Herr so viel Format hat wie ich, und das sollte er als Doppelgänger haben, dann wird er nicht versäumen, Ihnen einen Barockgarten zu zeigen. Wo ein solcher Garten zu finden ist, können Sie von mir erfahren. Ich liebe Barockgärten. Sie sind so schön manipuliert.«

Sie betrachtete einen Kondenswassertropfen, der an seinem Sektkelch herunterlief und in dem synthetischen Samt der Theke versickerte.

»Wie erstaunlich«, sagte sie leise. »Je weniger Zähne ein Mann hat, desto bissiger wird er.«

Asger lachte. Er griff in das versteckte Fach seiner Anzugjacke und legte eine Visitenkarte auf den Samt. »Mein Doppelgänger soll mich anrufen, wenn er einen Garten sucht«, sagte er ruhig. Er war gespannt auf diesen Mann. Das Mädchen neben ihm nahm die Karte auf und las; die haarfeine Lumineszenzschicht auf den Buchstaben prägte einen Gedächtniseindruck, der acht Jahre anhalten würde.

Asger Riveyra * Thirard Reenal

Allround-Service.

Darunter die Adresse; eine Insel in der Karibischen See.

»Soll ich mir darunter etwas vorstellen können?«, fragte das Mädchen. »Und außerdem … sind Sie Riveyra oder Reenal?«

»Ersterer«, sagte Asger. »Allround-Service ist eine kleine, leistungsfähige und sehr teure Agentur. Wir machen alles, gegen Bezahlung. Fast alles, Mord ausgeschlossen. Unser Slogan ist: Sie denken ‒ wir handeln.«

Das Mädchen lachte jetzt und drehte suchend den Kopf, dann hob sie leicht den Arm und winkte. Asger Riveyra erstarrte, als er den Mann sah, der durch die Bar auf ihn zukam: er war ihm wirklich so sehr ähnlich, dass man von mehr als einem Zufall sprechen musste. Etwa dreiunddreißig Jahre alt, wie Asger, ebenfalls nicht über fünfundachtzig Kilogramm schwer und größer als einen Meter neunzig. Kurzes, an den Schläfen heruntergezogenes Haar, das von wenigen silbernen Fäden durchzogen war. Der Mann stutzte, als ihn der Blick Asgers traf, dann ging er langsam weiter. Er blieb zwischen Asger und dem Mädchen stehen, beugte sich langsam herunter und küsste das Mädchen auf die Wange.

Sie sagte: »Erstaunlich ‒ hier sitzt dein Doppelgänger, Heward Yaghan!«

Asger streckte die Hand aus. »Riveyra«, sagte er leise. »Asger Riveyra. Ich stimme Ihrer Begleiterin zu: Die Ähnlichkeit ist wirklich frappierend. Wir werden doch hoffentlich nicht miteinander verwandt sein?«

»Kaum«, sagte Yaghan. »Ist es ein Zufall?«

Er blickte Asger mit unverhohlenem Misstrauen an. Asger registrierte, dass der Mann sich zu fürchten schien. Nicht vor ihm, sondern vor einer Sache, die nicht greifbar war. Er wirkte wie jemand, der unbewusst Angst vor einem Attentat hatte.

Asger zuckte mit den Mundwinkeln und sagte brutal: »Wenn Sie glauben sollten, ich habe mich an Ihre Begleiterin herangemacht, um Sie niederzuschlagen und Ihre wertvollen Dokumente zu stehlen, dann irren Sie ziemlich; Ihre Begleiterin hat meine Karte. Kidnapping oder Mord sind Dinge, die unser Service nicht einschließt. Das wollte ich in aller Freundschaft und zur Klärung der Sachlage gesagt haben. Übrigens: Lieben Sie Barockgärten?«

Heward Yaghan grinste leicht, nahm dem Mädchen die Karte aus der Hand und betrachtete sie sorgfältig. Er bemerkte die Sendeintervalle der Lumineszenzschicht und brummte: »Eine Agentur erkennt man daran, wie sie für sich selbst wirkt. Haben Sie diesen Gedächtnistrick nötig?«

Asger nickte kurz und sagte: »Wir müssen von dem Geld, das wir unter Lebensgefahr einnehmen, eine teure Sekretärin bezahlen und ein teures Büro. Brauchen Sie etwas von AS?«

»Sie könnten mir verraten, was Sie in diesem Prunkbecher haben.«

»Sekt«, erwiderte Asger. »Simpler Sekt. Sündteuer, aber kalt. Sternenschiffpreise.«

Yaghan setzte sich neben das Mädchen und bestellte das Gleiche wie Asger. Die beiden Männer unterhielten sich leise am Gesicht des Mädchens vorbei, und Asger hatte Gelegenheit, das Profil ausgiebig zu studieren. Sie war ein Typ für Barockgärten, aber auch bei ihr spürte er, dass sie sich vor etwas fürchtete. Da er und seine beiden Partner von den Problemen anderer Menschen lebten ‒ ziemlich gut lebten ‒, sah er jetzt, auf dem Rückflug von einem zur vollen Zufriedenheit erledigten Auftrag, eine Gelegenheit.

»Barock hin oder her«, sagte er nach einer Weile, »ich stelle fest, dass Sie beide schwere Probleme haben. Ob die Tatsache, dass Sie Ihren Namen nicht genannt haben, Mädchen, damit zusammenhängt?«

»Constanze Arrigo«, sagte sie.

Ein langer, nachdenklicher Blick traf Asger. Dasselbe Maß an Unsicherheit hatte er bemerkt, als er Yaghans wertvolle Dokumente angesprochen hatte. Konnte es so sein: Ein Mann in Begleitung seiner Freundin, die natürlich eine Agentin sein konnte, reiste vom Raumhafen Sigma Andoyer zur Erde, im Gepäck oder im Schiffssafe wertvolle Dokumente. Yaghan war jung und schien, seiner präzisen Ausdrucksweise nach zu urteilen, Akademiker zu sein. Ingenieur? Wenn ja, dann schleppte er die Pläne einer wichtigen Erfindung mit sich. An diesem Punkt seiner Überlegungen wurde Asger unterbrochen.

Yaghan fragte mit leiser, aber sehr eindringlicher Stimme: »Sie sind diskret, Riveyra?«

Sofort gab Asger zur Antwort: »Wäre ich nicht diskret, säße ich nicht lebend hier. Allround-Service lebt und stirbt mit der Diskretion. Sie haben Angst, nicht wahr?«

Yaghan nickte langsam, schwieg aber.

»Ja«, sagte er dann.

Asger hielt nicht viel von zeitraubenden Umwegen und fragte direkt: »Der schwache Punkt bei Ihrer Reise ist der Moment, wenn Sie Ihre Dokumente aus dem Schiffssafe holen, aussteigen und quer durch die Stadt zu Kartograph-Center fahren. Ist diese Erfindung sehr wichtig?«

Asger sah mit einer gewissen Genugtuung, wie der silberne Sektkelch, den Yaghan in den Fingern hielt, unkontrolliert zu zittern begann. Der Mann von der Agentur sah weiter, gegen das Licht eines verdeckten Beleuchtungskörpers, dass der winzige Sprühregen des kohlensäurehaltigen Getränks stärker wurde. Yaghan war blass geworden, stellte den Kelch ab und zündete sich mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette an. Dann wandte er Asger das Gesicht zu und fragte flüsternd: »Woher wissen Sie das alles?«

Asger blickte an den winzigen Schweißperlen auf der Oberlippe des Mädchens vorbei und in die grauen Augen seines Doppelgängers.

»Hören Sie, Yaghan, wir von Allround-Service sind keine Idioten. Wir leben davon, dass wir Einzelheiten kombinieren und versuchen, sie in Schemata einzugliedern, die seit Jahrtausenden gültig sind. Ist es so, wie ich sagte?«

»Ja. So ist es.«

»Constanze ist eine Agentin, oder nur die Freundin?«

Constanze fuhr herum und sagte scharf: »Nur die Freundin, Mister Riveyra. Nicht mehr.«

»Lassen Sie nur«, erwiderte Asger. »Das ist doch auch etwas Schönes, nicht wahr? Manche Männer haben es lieber, wenn die Mädchen mit dem Konservendosenöffner besser hantieren können als mit dem Nadelwerfer. Bleiben Sie so.« Er sah auf die Uhr. »Bekomme ich einen offiziellen Auftrag?«, fragte er ruhig. Noch zwanzig Stunden dauerte es, bis das Schiff, aus dem Hyperraum kommend, abgebremst hatte und in New York Spaceport niederging.

»Mein letztes Geld steckt in den Karten für die Passage«, erklärte Heward Yaghan. »Ich kann …«

»Schon gut«, sagte Asger und winkte ab. »Taugt das Zeug in Ihren Plänen etwas?«

Yaghan drehte die Visitenkarte um und schrieb einige Worte darauf. Dann schob er Asger die Karte verdeckt zu, und der Mann von der Agentur hielt die Hand darüber, und als er las, vergewisserte er sich, dass ihm niemand über die Schulter sehen konnte. Ferroxyd wird in großem Rahmen mit wenig Energie in Luftsauerstoff verwandelt. Wichtig für ca. 300 Planeten.

Asger schob den Daumennagel in den feinen Schlitz zwischen den dünnen, aufeinandergelegten Kunststoffblättchen, riss die Visitenkarte auseinander und legte beide Hälften mit den Druckbuchstaben gegeneinander. Dann warf er die Karte in den Aschenbecher. Zwei Sekunden später hatte sie sich in weiße Asche verwandelt und fiel auseinander, als Yaghan seine Zigarette ausdrückte.

»Gut. Es kostet Sie genau zehntausend Quintar«, sagte Yaghan. »Nur dann, wenn Sie Erfolg haben. Dafür bringe ich Sie und die Papiere zu Kartograph-Center. Einverstanden?«

Constanze sagte zögernd: »Sie sind sehr teuer … und bis Heward gut verdient, kann es ein Jahr dauern.«

Ungerührt erwiderte Asger: »Ich werde Sie nach einem Jahr finden. Die Summe … Es ist ein Angebot. Sie können ablehnen oder annehmen.«

Das Mädchen öffnete die Lippen, um zu antworten, aber Yaghan kam ihr zuvor und sagte leise: »Gilt auch ein mündlicher Vertrag, Riveyra?«

Riveyra nickte leicht und erwiderte lächelnd: »Unter Gentlemen ist es üblich, ein Gentleman’s Agreement abzuschließen. Ich kann es Ihnen gern übersetzen.«

Dreißig Sekunden später sagte Heward Yaghan fast flüsternd: »Ich nehme Ihre Forderung an.«

Asger Riveyra schob die lange Manschette seines Hemdes zurück und blickte auf die große, rechteckige Digitaluhr, deren verschiedenfarbige, verschieden geformte Zahlen sich ständig änderten. Er drehte an einem Knopf, der ein goldenes Wappen trug, nahm ihn vom Ärmel der Jacke ab und gab ihn verdeckt dem anderen Mann.

»Sie gehen jetzt sofort, aber nur auf Korridoren und Treppen, auf denen viele Menschen sind, zum Zahlmeister. Dort lassen Sie sich die Dokumente aushändigen. Wie sind sie verpackt?«

»Eine dünne Ledermappe.«

»Wie groß?«

Yaghan zeigte es mit den Händen; etwa dreißig zu zwanzig Zentimetern. Mikrofilm oder Submikrofilm wäre besser gewesen.

 

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