Leseprobe – Die Ritter von Avalon


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1. Kapitel

Erzählt, wie Ritter Troncas in Sultan Yussuf Salah ad-Dins rosenduftendem Heerlager staunenswerte Fragen beantwortet

 

Über den Zweigen der Ölbäume schwebte die Morgensonne wie ein schmelzender Eisenschild. Ein schauerlicher Laut aus weiter Ferne zerriss die Stille des späten Morgens; es war, als würde ein Tier lebendig ausgeweidet. Ein Eselsschrei, dachte Troncas, oder der Hilferuf eines Menschen. Einige Atemzüge lang erstarrte die wellige Ebene zu einem Bild aus uralten Sagen. Als Troncas aus dem Schatten hinausritt, in dem sich Staubwirbel hinter den Hufen mit Nebelfetzen mischten, riss sein Rappe den Kopf hoch. Im dumpf pochenden Hufschlag stockte plötzlich der Takt. Unvermittelt fühlte Troncas, dass die frühsommerliche Landschaft eine Gefahr barg; er spannte seine Sinne, zügelte das Pferd, stellte sich in den Steigbügeln auf und vermied es, sich von der Sonne blenden zu lassen.

Er sah sich um. Zitternde Äste kratzten am Lanzenschaft. Das sonnendurchstrahlte Land unterhalb des Hügels, scheinbar reglos, veränderte binnen eines Atemzugs unter Troncas’ Blicken seine Bedeutung: Felsen, Baumstämme, Mauerreste und deren Schatten schienen zu schroffen Gesichtern und drohenden Gestalten zu erstarren. Westwind schleppte üble Gerüche vom Hafen, den Mauern Akkons und dem Kriegslager bis hierher, mehr als eine Stunde Ritt vom Meeressaum entfernt.

Sieben Bewaffnete ohne Schilde, Lanzen und Rüstung, vielleicht Kriegsknechte aus dem Christenlager, galoppierten, zwei Pfeilschüsse weit entfernt, auf den baumumstandenen Brunnen zu. Gleichzeitig verließ eine muslimische Karawane das Wäldchen aus Palmen und Tamarisken; Troncas sah blitzende Waffen, würfelförmig zusammengelegte Zelte auf den Kamelrücken und die wehenden, goldgesäumten Umhänge der Reiter.

Er gab die Zügel frei und kitzelte den Rappen mit den Sporen. Das Tier trabte den Hang hinunter, fiel in langsamen Galopp und wich, während Troncas den Lanzenschaft in der Achselhöhle festhielt und den Schild vom Sattelknauf hob, von selbst den Hindernissen aus. Die dahinpreschende Horde hatte die Muslime entdeckt, peitschte die Pferde und teilte sich; einige Reiter zeigten auf die Lastesel und stießen unverständliche Rufe aus. Die Luft war dünn wie eine Messerschneide; alle Laute waren klar zu unterscheiden. Troncas schob den Unterarm durch die Schildgriffe und schalt sich einen Narren, dass er ohne Beinpanzer und Streitkolben losgeritten war, nur in Kettenhemd, Halbrüstung und Kursit; unter dem dunklen Wappenrock war es unerträglich heiß geworden.

»Fränkisches Gesindel«, knurrte er und beugte sich im Sattel vor. Der Rappe fiel gleitend in schnellen Galopp und schien zu ahnen, dass Troncas in einem Halbkreis auf die Stelle zureiten wollte, an der das Räuberpack die sichernden Bogenschützen erreicht haben würde. Die Lederbänder knarzten, die Ränder der Rüstungsteile schabten aneinander wie rostige Feilen. Troncas murmelte: »Es ist Friede zwischen uns Rittern und den Muslimen. Waffenstillstand; Hudna! Ihr werdet ihn nicht brechen – ihr nicht…«

Die Franken hatten ihn noch nicht entdeckt. Er ritt auf einem Ziegenpfad zwischen grünenden Büschen und einem Sandwall zum Rand des Wäldchens. Das ausgefranste Fähnchen unter der dreifach gegabelten Kampfspitze der Lanze knatterte, auf dem harten Sand war der schnelle Hufschlag kaum zu hören. Troncas spannte seine Muskeln und befestigte das schlenkernde Kettenband der Vinteile über der linken Schulter, ehe er die Lanze fester packte und, als der Pfad eine kleine Anhöhe überwand, auf die Ebene hinausritt. Das Frühsommergras stand zwei Handbreit hoch, nur noch an wenigen Halmspitzen glitzerten Tautropfen. Die Karawane versuchte zu flüchten, nach Südosten, auf Tiberia zu. Troncas zählte sechs Muslimreiter, vielleicht sieben Rennkamele und ein Dutzend schwer beladene Esel. Er galoppierte, die Sonne halb im Rücken, auf die Franken zu und brüllte:

»Haltet an! Der König und die Fürsten haben’s verboten! Niemand raubt, keiner plündert!« Er wechselte vom Britannischen ins Romanische. »Das sind einfache Leute. Nicht Saladins Krieger!«

»Kümmre dich um deinen eigenen Arsch, Ritter!«, schrie der Anführer der Plünderer. Im Rücken und zwischen den Schenkeln spürte Troncas die Muskeln des starken Pferdekörpers. »Wir wollen nicht am Hunger verrecken. Wir nehmen ihren Proviant und den Wein. Aus dem Weg, Britannier!«

Troncas verzichtete darauf, das Visier zu senken. Er hatte den Anführer erkannt, einen flämischen Soldaten unter Ritter Jacob von Avesnes. Er zog das Ende der Lanze aus dem Steigbügelschuh und hielt die Waffe schräg. Dann brüllte er:

»Auch ihr Flamen müsst euch an den Waffenstillstand halten. Du hast es nicht anders gewollt. Zum letzten Mal: Haltet an!«

Ein einzelner arabischer Reiter war in rasendem Galopp davongestoben. Ein zweiter zerrte die Kamele, die mit blitzenden Ketten zu einer Reihe verbunden waren, mit sich; die Lasten und Zelte schwankten erbarmungswürdig. Wahrscheinlich klammerten sich hinter den ledernen und leinenen Wänden Frauen und ihre Sklavinnen an alles, wovon sie sich Halt versprachen. Drei muslimische Reiter mit Pfeilen auf den halb gespannten Bögen galoppierten hinter den Kamelen her, deren Hufe lange Sandfahnen aufwirbelten; die Esel drängten sich abseits des Pfades zusammen. Troncas sah versilberte Kettenhemden, Gold an den Helmen und Handgelenken; die Karawane war zweifellos der Besitz eines bedeutenden Muslimfürsten. Die Reiter hatten zwei oder drei Pfeile aus den Köchern gezogen und drehten sich immer wieder nach den Verfolgern um.

»An mir müsst ihr zuerst vorbei, Flame!« Troncas fällte die Lanze. Er galoppierte, die Franken links vor sich, auf die Reiter zu. Es ist immer das gleiche, dachte er halb traurig, halb in kaltem Zorn. Seit zwanzig Jahren, seit ich meinen ersten Mann aus dem Sattel gerammt habe: Wer das Schwert schwingt, schindet die Schwächeren. Und auf die gleiche Weise werde ich’s ihnen heimzahlen. Seine Gegner waren mit Streitäxten, Armbrüsten, Schwertern und kurzen Lanzen oder Wurfspeeren bewaffnet. Er holte tief Luft und verstärkte den Griff um die Lanze, schwang den linken Arm mit dem Rundschild vor die Brust, schrie dem Wallach einen Befehl zu und setzte die Sporen ein. Nach fünf Galoppsprüngen stob der Rappe, ohne den Rücken zu heben und zu senken, auf den schwitzenden Apfelschimmel des Flamen zu. Ein Armbrustbolzen summte an Troncas’ Helm vorbei. Die Spitze seiner Lanze malte Schlängelfiguren in der Luft, zerteilte sie in irreführenden Kreisen; Troncas schien an dem gegnerischen Anführer vorbeizugaloppieren. Einen kurzen Atemzug, drei Lidschläge vor dem Zusammenprall stemmte sich Troncas in die Waffe, zielte und traf den Reiter zwischen Halsgrube und Brust.

Die fingerlange, geschliffene Spitze zerfetzte Kettenhemd und Rüstung, zerriss Hals, Kehlkopf, Knochen und Adern, brach dem Flamen das Genick, warf ihn aus dem Sattel und schleuderte ihn rückwärts über die Pferdekruppe. Das Tier prustete gurgelnd und brach aus. Der tote Flame schien, als Troncas die Lanze nach links hob und, so schnell und kraftvoll er es vermochte, nach rechts und wieder zurück schwenkte, noch immer zu fallen oder zu schweben, als der Schaft der Lanze mit voller Wucht, wie ein Keulenhieb, den zweiten Reiter an der Brust traf. Er kippte nach hinten, riss mit dem Zügel den Kopf seines Pferdes hoch, die Streitaxt wirbelte aus seiner Hand blitzend in die Luft, aber er ließ die gestrafften Zügel nicht los. Klirrend, mit endgültigem Krachen, schlug der erste Tote zu Boden.

Der Schmerz im Maul des Pferdes ließ das Tier grell wiehernd durchgehen. Es schleifte den Reiter, dessen eisenbeschlagener Stiefel sich nicht aus dem Steigbügel löste, durch aufwirbelnden Sand und auseinanderspritzendes Geröll zwischen peitschende Dornenbüsche. Troncas war mitten durch die Gruppe hindurchgaloppiert und lenkte den Rappen im Halbkreis zurück, schloss geblendet die Augen und sah zwei Atemzüge später, als eine Abfolge undeutlicher Schattenrisse vor dem lodernden Gestirn, wie ein Schwert oder eine Streitaxt herunterfuhr und seine Lanze traf. Die Spitze senkte sich nach dem prellenden Hieb und fuhr ins Erdreich; Troncas löste den Griff seiner Finger, ließ die Lanze los. Das Metall des Steigbügels traf den Schaft, das Ende schlug hart gegen den Schulterschutz. Troncas fluchte leise, lenkte das Tier weiter nach links und entging der Sonnenblendung; dann erst schloss er das Visier.

Um ihn waren Geschrei, Wiehern, das pfeifende Heulen von Pfeilen, der scharfe Schlag einer Armbrustsehne und der Einschlag eines Bolzens in seinen Schild, das Brennen in seinem linken Unterarm, das ölige Schleifen, mit dem sein Schwert aus der Scheide glitt, ein dünner Chor langgezogener Triller, Flüche und Hufgetrappel: Er drehte den Kopf und sah drei Reiter auf ihn eindringen. Seine Knie gaben dem Rappen Hilfen, die Sporen kratzten, und als Troncas am Zügel zog, stemmte der Wallach die Vorderhufe ein, senkte den Kopf zwischen die Beine und keilte zugleich mit beiden Hinterläufen aus. Die eisenbeschlagenen Hufe trafen Nüstern, Nase und das weiße Auge eines Pferdes, das vor Schmerz rasend wieherte, buckelnd und auskeilend umhersprang, einen zweiten Reiter zur Seite drängte und weder Zügeln noch Sporen gehorchte. Als sein Reiter, der mit dem Tier kämpfte, nahe genug herangekommen war, führte Troncas einen waagrecht ziehenden Hieb von weit links nach rechts.

Erz dröhnte auf Erz. Er traf den Reiter an der Schulter. Die Schwertschneide rutschte feilend über die Ringe des Kettenhemdes, zersägte einen Teil des fränkischen Kollers und drang mit leisem Kreischen durch das Hersenier. Mit einem Ruck riss Troncas das Schwert aus dem rotsprudelnden Gemenge von Knochen, Leder, Stoff, Metall, Haut und Knorpeln heraus und renkte sich beinahe den Arm aus; sein Rappe sprang mit aller Kraft vorwärts. Troncas spürte salzigen Schweiß, Sand und Blut auf der Zunge. Das nächste Bild, das Troncas durch die ovale Öffnung des Visiers erkannte, war ein anderer Teil dieses Kampfes: Umgeben von den schweißgeschwärzten Säumen des Kopfschutzes aus Kettengewebe, stierte ihn ein fahlweißes Gesicht aus aufgerissenen Augen an, die nur noch wenig Menschliches hatten. Über der Nasenwurzel wippte ein Pfeil, helles Blut lief aus Nasenlöchern und Mund. Die drei Abschnitte der Befiederung und die knöcherne Nock zeigten Troncas – er wusste es, ohne nachzudenken –, dass es der Pfeil eines muslimischen Reiters war. Der tote Reiter rutschte seitwärts aus dem Sattel.

Troncas warf sein Pferd herum, ließ den Rappen drehen und sah, dass die Araber in langsamem Galopp ihn und die Plünderer umkreisten und in lautlos blitzender Eleganz Pfeil um Pfeil abschössen. Dann erkannte er zwischen den Muslimen einen Reiter, der eine fast armlange, zweischneidige Streitaxt über dem Kopf schwenkte und auf ihn zugaloppierte. Troncas brachte den Schild hoch, sah das Blut aus seinem Unterarm auf Schenkel und Sattel tropfen, packte das Schwert und zwang den Rappen aus dem holprigen Kanter in trommelnden Kampfgalopp. Er packte den Schild fester und starrte seinen Gegner über den narbig gewellten Schildrand hinweg an; sie näherten sich einander in gerader Linie auf einer Fläche aus frühlingsgrünen Grasbüscheln, grobem, honigfarbigem Sand, kantigen Gesteinsbrocken mit rußigen Schatten und phantastischen Schlierenmustern aus Laub und Splittern von Palmwedelrispen. Sie prallten, scheinbar allein auf dem Kampfplatz, mit voller Wucht zusammen. Die Pferde schoben sich halb aneinander vorbei. Troncas’ klirrender Schwerthieb kappte den Helm dicht über der Schädeldecke des Gegners. Metallfetzen wirbelten umher. Die Schneide der Kampfaxt hackte ein halb handgroßes Dreieck aus dem Schildrand. Einen Lidschlag lang dachte Troncas an den schwarzsilbernen Fisch, die Sterne und den Untergrund in loderndem Rot auf der ihm abgewandten Seite des Schildes, dann waren sie aneinander vorbeigeprescht.

Das zweite Treffen in gestrecktem Galopp hatte ihn und den Unbekannten in die Nähe der Esel gebracht, die mit gesenkten Köpfen an Disteln knabberten und die Welt um sich herum vergessen hatten. Troncas schlug zu, traf seinen Gegner hart an der Vorderseite des Helms; dessen Waffe schrammte schnarrend über den Schild und zerhackte in der geflochtenen Mähne des Rappen dessen Hals, zwei Handbreit tief.

Blutstrahlen pumpten aus der Wunde. Das Tier starb mitten im Sprung.

Der Helm zerbrach in drei Teile. Troncas schlug keuchend von rechts nach links und spaltete den Schädel des Angreifers von der Schläfe bis zum Oberkiefer. Ein Schlag traf Troncas an der Schulter. Sein Rappe torkelte geradeaus weiter. Dann verschwanden Mähne und Ohren und der tief klaffende, dreieckige Einschnitt aus Troncas’ Blickfeld; er wurde aus dem Sattel geschleudert und aus den Steigbügeln gerissen. Er ließ die Zügel los, kippte nach vorn, fühlte, wie er sich zu überschlagen begann, starrte mit schmerzenden Augäpfeln in die schmelzende Sonnenscheibe und erlebte, wie Umgebung, Zeit, Bewusstsein und die savannenhafte Ebene, die Wirklichkeit und alles, was er kannte und wusste, auseinanderschwirrten wie ein Schwarm Sperlinge.

 

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