Leseprobe – Wir waren Freunde


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Kapitel 1

Hanna Winter hatte den Geburtstagstisch für ihren Sohn Julian an diesem Morgen besonders liebevoll gedeckt, und nun wartete sie gespannt darauf, dass das summende Geräusch des Föhns im Badezimmer erstarb und ihr Sohn endlich mit seiner Morgentoilette fertig war. Als sie bald darauf seine Schritte hörte, zündete sie rasch die Geburtstagskerzen an und zupfte erwartungsvoll noch einmal die großen Seidenschleifen der Geschenke zurecht, die sie auf dem Tisch arrangiert hatte.

»Guten Morgen, mein Schatz. Ich wünsche dir alles Liebe zum Geburtstag«, Hanna ging ihrem Sohn entgegen, schloss ihn in die Arme und drückte einen Kuss auf seine Wange. ›Fühlt sich schon richtig stachelig an‹, dachte sie mit einem Anflug von Bedauern, ›die Zeit der glatten Kinderbäckchen ist jetzt endgültig vorbei.‹ Im gleichen Moment rief sie sich innerlich zur Ordnung und schenkte Julian ein strahlendes Lächeln. »Heute ist dein sechzehnter Geburtstag«, sagte sie laut, »jetzt bist du schon ein richtiger junger Mann.«

»Ist schon gut, Mama. Aber stimmt. Sechzehn ist schon was. Jetzt kann ich endlich auch mit meinen Kumpels in die Kneipen gehen.«

›Oh je. Wieder eine neue Hürde, mit der ich zurechtkommen muss‹, dachte die Mutter, während sie den Sohn weiter anlächelte. Hanna wies auf den geschmückten Geburtstagstisch. »Jetzt pack doch mal deine Geschenke aus«, forderte sie auf.

»Sei doch nicht so ungeduldig, Mama. Ist doch mein Geburtstag. Ich will jetzt erst frühstücken.« Julian setzte sich in aller Ruhe an den Frühstückstisch, blickte mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes erst auf die brennenden Kerzen, dann auf die Geschenke und zu guter Letzt auf den kleinen Blumenstrauß, der vor ihm auf dem Tisch stand. Sein Gesicht leuchtete dermaßen vor Freude, dass Hanna ihm spontan alle pubertären Ausbrüche der letzten Zeit verzieh und ihn zärtlich betrachtete.

»Das große Paket zuerst.« Julian, der es jetzt doch nicht aushielt noch länger zu warten, zog mit einer entschlossenen Bewegung die Schleife ab und riss das Geschenkpapier auf.

»Geil, Mama!«, entfuhr es ihm überrascht, »das ist doch die Jacke, die ich in der Stadt gesehen habe, und die dir zu teuer war.« Er sprang auf und streifte das blaue, taillenkurze Kleidungsstück über.

»Steht dir wirklich gut«, Hanna nickte erleichtert, während ihr Sohn sich anschickte, einen Umschlag und ein weiteres Päckchen zu öffnen.

»Guthaben für mein Smartphone! Kann ich richtig gut gebrauchen, Mama. Und super! Zwei korrekte T-Shirts.«

»Na prima, denn es war schon ziemlich schwierig, die in der richtigen Farbe zu finden, aber wenn sie dir gefallen, dann bin ich jetzt froh.«

Sie stand auf und nahm ihren großen Sohn noch einmal in den Arm. »Jetzt muss ich schon zu dir aufschauen. Du bist ja tatsächlich viel größer als ich«, Hanna stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihrem Sohn Aug’ in Aug’ gegenüber zu stehen, was ihr bei aller Anstrengung jedoch nicht mehr gelang.

»In den letzten Monaten bist du unheimlich gewachsen«, meinte sie ergeben, während sie sich wieder auf die Fersen sinken ließ.

»Kleine Mama«, Julian tätschelte seiner Mutter in gespieltem Mitleid den Rücken, »damit musst du dich jetzt abfinden.«

*

Nachdem die Hauptkommissarin ihren Sohn nach dem Frühstück an der Schule abgesetzt hatte, fuhr sie zu ihrer Dienststelle im Kölner Polizeidezernat. Im Büro angekommen, wartete ihr Kollege, Kommissar Bernd Keller, schon auf sie.

»Morgen Hanna, du brauchst dich gar nicht erst häuslich einzurichten, wir sollen sofort zum Chef kommen.«

Hanna zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. »Gibt es irgendetwas aus der Abteilung, was ich wissen sollte? Bei Dr. Wunderlich muss man ja immer auf alles gefasst sein.«

»Nö, keine Ahnung. Komm, wir lassen uns überraschen«, Bernd schob Hanna sanft zur Tür hinaus.

Als sie wenig später vor der Tür des Chefzimmers standen, ordnete Hanna mit beiden Händen noch einmal ihre widerspenstigen, halblangen Locken, bevor sie Bernd mit einem Nicken zu verstehen gab, dass er jetzt anklopfen konnte.

Dr. Wunderlichs Sekretärin führte sie kurz darauf in das Zimmer des Chefs, der den beiden mit einer knappen Handbewegung bedeutete, dass sie sich setzen sollten.

»Verlieren wir keine Zeit mit Höflichkeitsfloskeln«, die kühlen Augen im hageren Gesicht des Chefs wanderten von Hanna zu Bernd. »Sie sind hier, weil ich Ihnen beiden den neuesten Fall übertragen will. In einer Penthousewohnung im Stadtteil Nippes liegt ein Toter. Hier ist die Adresse«, er reichte Hanna einen Zettel mit einer handschriftlichen Notiz. »Der dortige Hausmeister hat einen anonymen Anruf bekommen und daraufhin die Kollegen gerufen. Die Spurensicherung ist schon da. Am besten, Sie beginnen gleich mit den Ermittlungen. Das war’s.« Dr. Wunderlich wandte sich ohne ein weiteres Wort wieder seinen Akten zu, ohne seine Besucher auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

Hanna stampfte schnaubend mit dem Fuß auf, als sie wieder vor der Tür standen. »Unverschämt. Irgendwann gebe ich ihm doch noch mal ein paar Nachhilfestunden in puncto Benehmen!«

Bernd nickte mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich kann’s auch nicht verstehen. Meine Oma würde jetzt sagen: ›Höflichkeit kostet nichts‹, aber das scheint sich noch nicht bis zu ihm herumgesprochen zu haben. Jetzt lass’ mal sehen. Was steht denn auf dem Zettel?« Bernd nahm das Papier, das Hanna ihm reichte. »Richard Hartmann, Freiherr-vom-Stein-Straße 15, aha. Also dann, auf geht’s!«

*

Eine halbe Stunde später fuhren sie mit dem Aufzug zur Penthousewohnung des Toten hinauf. Hanna war beeindruckt, als sie die Wohnung betrat, die heimelig und interessant zugleich wirkte. Eine bunt zusammengewürfelte Mischung von Mitbringseln aus aller Welt deutete auf einen weit gereisten Bewohner hin. Die Kollegen von der Spurensicherung, die in ihrer weißen Schutzkleidung emsig bei der Arbeit waren, wirkten auf Hanna in dieser Umgebung wie Fremdkörper. Sie folgte Bernd in das Wohnzimmer, vor dessen großer Fensterscheibe der Tote in einem Liegestuhl ausgestreckt lag. Wäre die blasse Gesichtsfarbe nicht gewesen, so hätte ein unbeteiligter Beobachter ihn für einen Schlafenden halten können. Nichts deutete auf eine Gewalteinwirkung von außen oder einen Kampf hin; der Körper des Toten wies keine Verletzungen auf. Bernd wandte sich an den Gerichtsmediziner Dr. Henning Brandenburg, der nach erfolgter Untersuchung des Toten gerade seine Sachen zusammenpackte.

»Doktor, können Sie uns schon etwas sagen?«, fragte Bernd.

»Tja … der Tod ist auf jeden Fall zwischen einundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr eingetreten. Ob es Mord, oder vielleicht doch Selbstmord war, kann ich noch nicht sagen. Der Tote ist unverletzt, bis auf die beiden Einstiche in die große Vene der rechten Armbeuge. Alles andere wird die Obduktion zeigen. Kommen Sie doch morgen zu mir in die gerichtsmedizinische Abteilung.« Dr. Brandenburg nickte Hanna und Bernd freundlich zu, dann war er verschwunden. Nachdem die Spurensicherung ihre Arbeit beendet hatte und die Leiche abtransportiert worden war, sahen Hanna und ihr Kollege sich noch einmal aufmerksam in der Wohnung um.

»Schau mal, Bernd, unter den Papieren auf dem Schreibtisch liegt ein Blatt, und zwar so, als ob jemand den Zettel beschrieben und dann zur Seite geschoben hätte.« Hanna nahm das Papier in die Hand, um es genauer zu betrachten. »Es steht nichts Zusammenhängendes drauf: B.D., Gekritzel, das ich nicht lesen kann und eine Jahreszahl, 1972. Den Zettel nehmen wir am besten mit – wenn wir gar nichts rausbekommen, können uns die Graphologen vielleicht weiterhelfen.« Bernd reichte Hanna eine Plastiktüte, in der sie ihren Fund verstaute. »Lass uns die restlichen Papiere auch mitnehmen«, schlug er vor, »vielleicht ergibt sich da was im Zusammenhang.« Hanna nickte. Langsam gingen sie anschließend durch die anderen Räume der Wohnung. Wie immer, wenn ein Mensch in seinen eigenen vier Wänden ums Leben gekommen war, beschlich Hanna dabei ein eigenartiges Gefühl.

»Ich denke jedes Mal, dass ich etwas Verbotenes tue, wenn ich mich in fremden Wohnungen aufhalten muss«, wandte sie sich an ihren Kollegen, »obwohl das natürlich zu unserem Job gehört. Aber irgendwie ist das für mich immer noch ein Einbruch in die Intimsphäre eines andern. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen«, Hanna schüttelte resigniert den Kopf.

»Da kommt eben doch dein feinsinniges Musikerinnen-Seelchen zum Vorschein«, sagte Bernd verständnisvoll. »Warum hast du damals eigentlich so Knall auf Fall dein Musikstudium an den Nagel gehängt und dich bei der Polizeischule angemeldet?«

»Das erzähle ich dir mal ganz in Ruhe«, vertröstete Hanna ihn, »da stecken persönliche Motive dahinter. Und ich habe meine Entscheidung auch nie bereut. Trotzdem fällt mir einiges an unserem Beruf manchmal ganz schön schwer. Aber dir geht es doch genauso.«

Bernd nickte zustimmend. »Ja, du hast recht. Und wenn das nicht so wäre, wären wir inzwischen mit Sicherheit zu Gefühlskrüppeln geworden. Ich finde es in Ordnung, dass ich mich an bestimmte Dinge in unserem Beruf nicht gewöhnen kann. Obwohl ich bestimmt ein dickeres Fell habe als du.«

Hanna sah ihn freundlich an. »Ich bin froh, dass wir beide so ein tolles Team sind«, sagte sie lächelnd, »ein anderer Kollege hätte mich vielleicht schon als sentimentale Ziege abgestempelt.« Bernd lächelte zurück, dann war er wieder ganz Kommissar. »Ich frage mal hier im Haus rum, ob jemand gestern Abend etwas gesehen oder gehört hat.«

»Okay, und ich schaue mich hier noch ein wenig um.« Nachdem Bernd die Tür hinter sich geschlossen hatte, stellte sich Hanna vor die große Fensterscheibe im Wohnzimmer und sah hinaus. ›Ein wunderschöner Blick‹, ging es ihr durch den Kopf. ›Es ist so friedlich hier, weil man überall nur ins Grüne schaut. Diesen Blick hat Richard Hartmann also zuletzt vor Augen gehabt. Es sieht fast so aus, als ob er sich mit Absicht hierher gesetzt hat, um Abschied zu nehmen.‹

Bernd kam nach kurzer Zeit mit der Neuigkeit zurück, dass Frau Constanze Tannen, die ältere Dame aus der Wohnung gegenüber, tatsächlich jemandem begegnet war. Als sie gegen halb zwölf nachts aus dem Theater nach Hause gekommen sei, sei ihr ein Mann entgegengekommen, der eigentlich nur bei Herrn Hartmann gewesen sein könne. Außer ihr und ihm wohne schließlich niemand auf dieser Etage.

»Konnte sie ihn beschreiben?«, fragte Hanna.

»Ja, sie sagt, es sei ein großer, schlanker Mann mit hagerem Gesicht und eisgrauen Haaren gewesen. Er muss so um die sechzig gewesen sein und trug einen sandfarbenen Sommermantel.«

»Das ist doch schon mal was. So eine Zeugin ist selten, die sich an so viele Details erinnert. Hast du gefragt, ob sie den Mann wiedererkennen würde?«

Bernd nickte. »Ja, das würde sie ohne Weiteres, sagte sie. Der Mann habe ein sehr aussagekräftiges Gesicht gehabt, an das sie sich sofort erinnern würde.«

»Dann muss sie ihn ja sehr genau gemustert haben«, sagte Hanna überrascht.

»Ich habe mich zuerst auch gewundert, aber als ich in ihrer Wohnung war, wurde mir einiges klar. Frau Tannen ist Portraitmalerin.«

Hanna nickte. »Ja, dann hat sie ein Auge für Gesichter, das leuchtet mir ein. Kannte sie Richard Hartmann gut?«

Bernd zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Daraus bin ich nicht richtig schlau geworden. Auf jeden Fall wohnen die beiden schon lange auf derselben Etage.«

»Ja gut, wenn wir noch Fragen haben, können wir sie ja vorladen, um ein Phantombild anfertigen zu lassen. Für den Anfang reicht das aber schon.« Hanna drehte sich noch einmal um und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. »Ja, ich glaube, das war’s erst mal. Lass uns gehen.«

*

Nachdem Hanna am Ende dieses Arbeitstages ihre Einkäufe erledigt hatte und nun im Auto saß, musste sie plötzlich an den Tag vor sechzehn Jahren zurückdenken, als Julian geboren worden war. Zwanzig war sie damals erst gewesen und Julians Vater, der Medizinstudent Jan Reimers, war bald darauf vor der Realität geflohen, weil der Alltag mit dem Baby ihn überfordert hatte. Erst vier Jahre später meldete er sich überraschend bei Hanna, um sich ›seinen Vaterpflichten nicht länger zu entziehen‹ wie er damals sagte.

Als Hanna merkte, dass Jan auch die Beziehung zu ihr wieder aufleben lassen wollte, hatte sie das sanft, aber bestimmt abgelehnt. Im Grunde ihres Herzens konnte sie ihm sein damaliges Verhalten nicht verzeihen. Aber Vater und Sohn kamen gut miteinander aus und Julian besuchte ihn mindestens einmal im Monat. Julians eigentlicher Ersatzvater war jedoch Hannas Nachbar Rolf, ein Schriftsteller, der die Etagenwohnung gegenüber in dem schönen Gründerzeithaus in der Kölner Südstadt bewohnte. Hanna seufzte dankbar bei der Erinnerung, weil Rolf ihr in der schweren Zeit sehr geholfen hatte, als sie noch zur Polizeischule ging und immer zur Stelle war, wenn sie unabkömmlich und Julian allein war. Seitdem sie nebeneinander wohnten, war Julian praktisch in beiden Wohnungen groß geworden. Auf die Frage des Kindes, warum Rolf seine Mutter nicht heiratete, weil sie sich doch alle so gut verstünden, mussten sie dem Jungen damals schonend beibringen, dass Rolf homosexuell war. Julian hatte die Tatsache akzeptiert und alles war so geblieben, wie es war. Damals war das Leben für Hanna wieder leichter geworden, ganz anders als in den Jahren, die auf Julians Geburt folgten.

Hannas tyrannischer Vater hatte der Tochter damals, als sie den Eltern die Schwangerschaft gestand, die Tür gewiesen und die Mutter war zu schwach gewesen, um ihn daran zu hindern. Aber das alles lag lange zurück und seit kurzer Zeit war Hanna so glücklich wie nie zuvor, denn Michael Sander war in ihr Leben getreten. Ihr Herz begann schneller zu klopfen, als sie an ihn dachte, und sie freute sich auf diesen Abend, an dem er sie und Julian besuchen wollte.

Julian … Hanna tat einen tiefen Atemzug. Ihr Sohn hatte sich dazu entschlossen, den neuen Mann im Leben seiner Mutter nicht zu mögen, obwohl dieser sich unendlich geduldig um sein Vertrauen bemühte. Sie war gespannt, wie ihr gemeinsames Essen verlaufen würde, das sie gleich vorbereiten würde. Schade nur, dass Rolf nicht da war, aber er sonnte sich im Moment noch eine Woche auf Ibiza, was sie ihm von Herzen gönnte.

Zu Hause angekommen, dröhnte Hanna aus dem Badezimmer laute Musik entgegen, was bedeutete, dass ihr Sohn sich für den Abend zurecht machte. Seufzend stellte Hanna die schweren Einkaufstüten in der Küche ab und machte sich daran, den Inhalt zu verstauen.

»Hi, Mama«, begrüßte Julian sie aufgekratzt, als er mit einer Duftwolke von Rasierwasser umgeben in die Küche kam. Hanna verschluckte die Bemerkung, ob er sich wirklich zum ersten Mal rasiert oder nur das Aftershave aufgetragen habe. Sofort begann Julian in den neu angelandeten Vorräten nach etwas Besonderem zu suchen, das er auf der Stelle essen konnte.

»Kann ich den ganzen Mozzarella haben?«, fragte er, während er schon einmal damit begann, Hannas gesamten Vorrat an frischen Tomaten in Scheiben zu schneiden.

»Äh, ja … weißt du, eigentlich wollte ich das heute Abend für uns alle machen, wenn Michael zum Essen kommt.«

»Bin sowieso nicht da«, antwortete Julian, ohne den Blick zu heben, »ich gehe mit meinen Freunden was trinken. Kannst du mir Geld geben?«

»Du hast deine Leute also schon eingeladen?«, Hannas Stimme klang spitz, »und ich soll jetzt euer Bier bezahlen? Julian, du musst doch morgen zur Schule! Könnt ihr nicht etwas anders machen? Außerdem habe ich gedacht, dass wir hier erst einmal gemütlich zu Abend essen. Ich habe extra Kalbsschnitzel gekauft, die du so gern isst.«

»Tja, tut mir leid, Mama, aber das ist mein Geburtstag. Und auf deinen Anwalt kann ich sowieso verzichten. Der will sich doch nur wieder bei mir einschleimen.«

»Julian, bitte!«, Hanna war laut geworden. »Jetzt gib Michael doch eine Chance. Er ist mir sehr wichtig, weißt du«, fügte sie leise hinzu, »und ich kann es kaum ertragen, dass du ihn immer so angiftest. Mach es uns doch nicht so schwer.«

»Der bildet sich doch ein, mein neuer Vater zu werden. Aber ich brauch’ keinen, ich hab nämlich schon einen. Nee, eigentlich habe ich sogar zwei, Papa und Rolf.«

»Kind, so weit sind wir doch noch gar nicht. Aber sei doch wenigstens freundlich zu ihm, mir zuliebe.« Hanna nahm ihren Sohn bei den Oberarmen uns schüttelte ihn leicht.

»Jetzt hör schon auf, Mama. Und … was ist jetzt? Gibst du mir das Geld?« Und auf Hannas Zögern setzte er hinzu: »Wenn wir ins Kino oder zu McDonald’s gegangen wären, hättest du das auch bezahlt. Ich bin jetzt sechzehn, Mama, ich darf in die Kneipe gehen.«

Hanna musste unfreiwillig lachen. Julians Argument war nicht zu widerlegen, also öffnete sie ihr Portemonnaie und holte einen Schein heraus, den sie ihrem Sohn in die Hand drückte.

»Danke, Mama«, er grinste. »Ich versprech’ dir auch, dass ich nicht zu viel trinke.«

»Und du musst mir außerdem versprechen, nicht zu spät zu Hause zu sein«, Hanna sah Julian streng in die Augen.

»Kein Problem«, antwortete er weltmännisch, dann trollte er sich mit seiner Riesenportion Tomaten, drei Kugeln Mozzarella und einigen Brötchen ins Wohnzimmer, um vor dem Fernseher zu essen.

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