Wie beginnt man eine Geschichte, deren letztes Kapitel bereits geschrieben und dessen Schluss längst bekannt ist? Einfach drauf loszuschreiben, war also keine Option. Sollte ich irgendwo beginnen und quer nach allen Richtungen erzählen? Oder war es besser, keinerlei Bezug dazu herzustellen? Somit alles losgelöst zu betrachten?
Aber ich wollte, musste doch die zurückliegenden Ereignisse zu Papier bringen!
Lange sann ich darüber nach, wie und wo alles seinen Anfang nehmen sollte.
Wochenlang schon quälte mich der Stapel unbeschriebener Seiten mit weißer Inhaltslosigkeit.
Tags verging kaum eine Stunde, in der ich mir nicht den Kopf zerbrach, welchen Ansatz ich verfolgen könnte. Jegliche Ausführung landete zerknüllt in meinem längst überfüllten Papierkorb.
Und in ruhelosen Nächten verfolgten mich meine Ideen. Wurden zu bleichen Gespenstern, die, flüchtig wie zarte Nebel, durch meine Überlegungen strichen und erstarrte Bilder ungezählter Erinnerungen mit Leben erfüllen wollten.
Die Tage wie Nächte waren eine einzige Tortur. Und sie nahmen kein Ende. Zu lange hatte ich mich geweigert, Geschichten zu erzählen. Damals ‒ war das gestern oder wird es morgen gewesen sein? ‒ als ich ENDE unter die letzten Zeilen gesetzt und dann doch wieder, flüchtig zwar, ausradiert hatte, weil das Wort dann eben doch nur der Geschichte galt, aber ungültig blieb für mein JETZT.
Weil ich wusste, dass dieses Ende bereits wieder einen weiteren Anfang mit sich trug.
Letztendlich war es genau diese Überlegung, die sich aufdrängte, weiterverfolgt zu werden.
Inzwischen war mein Kopf zum Bersten angefüllt mit Erfahrungen und Begegnungen, die ich in Sarvassam hatte erleben dürfen, und brachte doch kein Wort darüber zu Papier.
Schließlich war es, nach einer dieser endlos schlaflosen Nächte, dass ich endlich erkannte, was zu tun war.
Nicht zum ersten Mal traf ich diese Entscheidung. Aber dieses Mal lag eine Erkenntnis darin, dass ich gar keine andere Wahl hatte, als einfach mit dem Schreiben zu beginnen, um mich von meinen Worten dorthin führen zu lassen, was längst nicht mehr der Führung meiner Fantasie bedurfte.
Es klingt paradox, aber um einen Anfang zu finden, musste ich nach dem Ende greifen.
So ließ ich mich leiten, von unbekannten Worten, dorthin, wo ich gewesen war: an einem unbekannten Ziel.
Auf dem Weg
Nach kurzem Zögern hatte ich mich entschieden. Meine Neugier obsiegte. Das Versprechen wog mehr als die schwachen Gegenargumente meiner Zweifel. Ich schlug die dargereichte Hand nicht aus. Und in dem Augenblick, als die kräftigen Finger Maark Bendarts die meinen umschlossen hatten, erschrak ich über meine eigene Courage.
Schon blieb der kleine Park hinter mir zurück, obwohl ich dessen Spiegelbild, hoch über mir, langsam entgegenflog. Ich bewegte mich gleichzeitig fort und darauf zu.
Realität und Reflektion wölbten sich. Sie bogen ihre Ränder einander zu. Formten, verjüngend, eine Röhre und verwirbelten zu einem von Schlieren durchsetzten Trichterbild unklarer Konturen.
Mit zunehmender Geschwindigkeit stürzte ich dem Schlund des tobenden Gebildes zu.
Mir schien, als befände ich mich im Rüssel eines Wirbelsturmes.
Angst erfüllte mich. Mein Herz hämmerte, war ich doch nicht mehr der Jüngste. Und wusste ich denn, ob mich nicht die gegensätzlichen Spiegelkräfte zerrissen oder ob ich jemals wieder diesem schrecklichen Malstrom entkommen konnte?
Wie leichtfertig ich mich doch den Fähigkeiten eines Ætheronauten anvertraute, obwohl ich bis dato nie einen Gedanken darüber angestellt hatte, wie es um deren Fähigkeiten stand?
Schließlich waren sie doch lediglich eine ‒ Idee, eine vage Vorstellung, eine Fantasie.
War es denn Ætheronauten tatsächlich möglich, die Elemente des ungreifbaren Dunkels so zu beherrschen, dass sie nicht Gefahr liefen, sich darin zu verlieren?
Eine späte Erkenntnis.
Zu spät, um noch weitere Gedanken daran zu verschwenden.
Zu spät, um etwas zu ändern.
Zu spät, um in Panik zu verfallen.
Die Reise war angetreten. Jetzt noch Überlegungen anzustellen, das Wie zu beschreiben, um zu überleben, wäre wohl ein noch größerer Unfug gewesen, als der, in blindem Vertrauen bereits unterwegs zu sein.
Was jetzt geschah, war zu akzeptieren, nicht zu bedauern.
So musste ich das in mir wütende Chaos bezwingen und mich den unbenannten und unbekannten Fähigkeiten Maark Bendarts anvertrauen.
Für einen atemlosen Moment bedrängten uns Kräfte und Energien unbeschreiblichen Ausmaßes. Tonlose Stille folgte nach und tobte in schwarzen Wirbelschlieren um uns. Es überstieg mein Vorstellungsvermögen, diese eine Farbe in derart unterschiedlichen Schattierungen schillern zu sehen.
Der Eindruck, von nur kurzer Dauer, endete, als schwache Geräusche zu vernehmen waren. Aus dem Nichts raste uns ein heller Punkt entgegen, der sich im gleichen Maße vergrößerte, wie auch die seltsamen Laute anschwollen.
Schon stießen wir hinein. Ein unharmonischer Malstrom lärmender Melodienfarben hüllte uns ein. Meine Augen schmerzten von dem beständig wechselnden Gewirr bunter Farbenklänge, und in meinen Ohren dröhnten bizarre Tonfolgen, während ich, zur Reglosigkeit verdammt, durch eine enge Lichterröhre fortgezerrt wurde.
Maark Bendart, obwohl direkt vor mir, konnte ich nur noch schemenhaft erkennen. Mir schien es manchmal, als hielte er sich an ein dünnes, gleißend helles Seil geklammert, während er mich mit der anderen Hand fest im Griff behielt, dass ich meinte, es würde mir der Arm aus der Schulter gerissen.
Mit einem heftigen Schlag ‒ dem Gefühl, zerrissen zu werden ‒ endete unser Flug.
Für einige Augenblicke war ich orientierungslos. Ich spürte nichts, hörte nichts, sah nichts. Wusste nicht Oben von Unten zu unterscheiden, und verlor mich alsbald an eine ungreifbare Leere.
Erblindet war ich. Doch für wenige Momente nur. Nach all der gleißenden Farbenfülle, die meine Augen traktiert hatte. Auch die Taubheit, die auf mir lastete, war nur dem beständigen Geräuschpegel zuzuschreiben, dem ich noch kurz zuvor so schmerzhaft ausgeliefert war.
Dann vernahm ich Maarks Stimme dicht bei mir.
Ganz langsam führte sie mich wieder zurück.
Maark Bendart sprach ruhig auf mich ein, musste er doch deutlich sehen, wie mich diese Reise mitgenommen hatte.
Meine Gedanken klärten sich. Auf seltsame Weise kam mir Ferdinand Hergert in den Sinn.
Hatte der Freund mir nicht oft genug erzählt, dass das Reisen über die Grenze zum NIRGENDWO und hinein und durch das Dunkel, nach Sarvassam, beschwerlich war und langer Erfahrung bedurfte? Wie hatte ich nur annehmen können, dass diese Reise, selbst mit Unterstützung eines Ætheronauten, für meine alten Knochen zu einem Spaziergang verkommen würde?
»Alter naiver Narr«, schalt ich mich und blickte in das verdutzte Gesicht Maark Bendarts, der mich soeben erneut besorgt angesprochen und bei den Schultern gepackt hatte, weil ich, gedankenverloren, nicht auf seine Fragen antwortete.
»Alles in Ordnung«, reagierte ich und ergänzte mit einem leisen Vorwurf: »Du hättest mich ruhig vorwarnen können. ‒ War ein harter Ritt.« Im gleichen Moment vergaß ich erschrocken zu atmen und taumelte gegen ihn. Sah ich mich doch plötzlich im leeren Raum schwebend.
Mir wurde übel.
»Hab‘ ich doch oft genug.« Das war ja nun eindeutig Ferdinands Tonfall. Maark grinste bei der Entgegnung und stützte mich im selben Augenblick.
Sein Blick blieb aufmerksam.
Dass ich nicht ins Bodenlose fiel, lag an dem festen Material, auf dem ich stand, das ich zwar fühlen konnte und dennoch unsichtbar blieb. Das Gebilde, das uns umgab, glich einer zylindrischen Tonne, die bequem Platz für zwei Personen bot. Prüfend tasteten meine Finger nach einer Begrenzung. Sie erspürten eine gewölbte Wandung.
»Keine Sorge, Hardie, die Hülle ist stabil.« Ein spöttischer Zug zeichnete für einen Wimpernschlag die schmalen Lippen. »Wir sind bald am Ziel.«
»Den Hang zum Dramatischen musst du mir bei Gelegenheit erklären. Der ist neu«, sagte ich nachdenklich und starrte in das abgründige Dunkel, nachdem ich lange in dem Gesicht meines Gegenübers nach weiteren Spuren des einstigen Freundes gesucht hatte.
»Maark Bendart. Der bin ich, und das sollte dir Erklärung genug sein.« Was als Hinweis genügen sollte, woraufhin er verdrossen schwieg.
Frostig und ernüchternd wirkte seine Antwort. Keinerlei weitere Regung, die nochmals einen Wesenszug Ferdinands hätte erkennen lassen.
Ich sollte wohl aufhören, weiterhin nach Anzeichen zu forschen. Auch wenn ich noch so gerne Wesenszüge meines Freundes an ihm bemerken wollte. Ich hatte zu akzeptieren, dass Maark Bendart vor mir stand. Er konnte schließlich nichts dafür. Es war mein Fehler gewesen. Ich musste ihn endlich so akzeptieren, wie er war: eine eigenständige Persönlichkeit, mit Eigenheiten, die mich manchmal ein wenig an Ferdinand erinnerten.
Maark Bendart hatte sich weiterentwickelt, ganz in dem Sinne der eigens dafür verfassten Geschichte. Das wollte und durfte ich keinesfalls beeinflussen. Also hatte ich mich geflissentlich daran zu halten.
Für einen winzigen Augenblick spitzte ein vages Wissen hinein in diese Überlegungen. Bevor ich den Inhalt allerdings greifen konnte, verflog der Gedanke und versickerte auch schon in dem gegenwärtigen Geschehen.
Hatte noch kurz zuvor die schillernde Schwärze mich mit Beklemmung erfüllt, so war das Dunkel in seiner drückenden Intensität aus geballter Schwärze beängstigend allein durch seine schiere Größe. Doch es waren die wabernden Wolkenballungen, die mich so sehr schreckten. In wechselnden Schattierungen wogte das Dunkel wie ein lebendiger, quellender Organismus um uns. Mal verlor sich mein Blick in ängstigender Tiefe, dann prallte er gegen Wellengewölk, das mich schier zu erdrücken suchte.
Nach geraumer Weile entdeckte ich am scheinbaren Ende der vor dem Dunkel grell leuchtenden, dünnen Linie, die als letzte Erinnerung an das überstandene Chaos aus Melodienfarben geblieben war, einen schimmernden silbrig blauen Punkt.
Maark Bendart nickte, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Wir näherten uns dem Ende unserer Reise an.
War das alles nur eine große Illusion? Der Zweifler in mir erwachte wieder. Worauf ließ ich mich da eigentlich ein? Näherte ich mich nun mit steigender Geschwindigkeit einer Realität an, die nur durch meine Gedanken entstanden war? Stürzte ich mich geradewegs in meine eigene Vorstellungswelt? Gleichsam direkt in meinen Schädel hinein, durch und über Ganglien meines Gehirns hinweg, nur um meine eigene Existenz darin aufzulösen? Diese und ähnliche illustre Wahnvorstellungen beherrschten plötzlich all meine Überlegungen und führten mich einer beklemmenden Erkenntnis zu: Würde ich in meinem eigenen Meer wirrer Ideen und ausformulierter Fantasien ertrinken? Stolperte ich geradewegs in meine eigene Utopie und verschmolz mit ihr?
Und es erschien mir geradezu, als öffnete diese Vorstellung ihren gierigen Rachen, mich zu verschlingen ‒ aufzuzehren.
Diese winzige Perle inmitten undurchdringlicher Schwärze dehnte sich vor meinen Augen aus. Wuchs sekundenschnell ins Riesenhafte.
Mein Atem ging stoßweise. Ich wollte das nicht!
Mein Herz hämmerte. Ich hechelte, rang nach Atem.
Mein Brustkorb hob und senkte sich, stöhnte unter der erdrückenden Klammer beginnender Panik.

