Leseprobe – Jäger der goldenen Götter


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1 – Die Paläste von Pharlevinc

Die kleinen Ohren des Hengstes zuckten, das silberfarbene Tier schüttelte sich und keilte mit beiden Hinterhufen aus. Breite Sandfontänen wirbelten über den Dünenhang. Cade Chandra zog den Zügel straff, aber der Hengst streckte den Schädel, biss auf die Trense und machte einen Sprung, dann trabte er den Dünenhang hinunter. Als er den Strand erreichte, lehnte sich Cade zurück, gab den Zügel frei und hielt sich am Sattelhorn fest. Die langen Enden der Sporen berührten die Mittelpunkte der schwarzen Flecke am Bauch des Lemekh. Das Tier stieß einen Schrei aus und wurde schneller.

Cade riss am Zügel und steuerte auf das Wasser zu, in den weichen Sand hinüber. Die überlangen Beine bewegten sich noch schneller, die breiten Hufe dröhnten im Trab. Der Kamelhals lag fast waagrecht und wippte; das Tier begann zu schwitzen. Wieder setzte Cade die Sporen ein und grinste: Einen vierten Abwurf würde er nicht erleben.

Er stellte sich in den großen Steigbügeln auf, klatschte mit der flachen Hand auf die Flanke und den Hals des Hengstes und forderte das störrische Tier noch mehr. Der rasende Trab im nassen Sand zehrte an den Kräften. Als die Hufe riesige Wasserfontänen hochschleuderten, duckte sich Cade nicht, sondern genoss den Regen salziger Tropfen. Der Hengst trabte schneller, mehr als zwei Ormil weit durchs Wasser, dann keuchte er.

Cade zog den Kopf des Tieres herunter, ließ das Lemekh wenden und dirigierte es mit Kandare und Sporen ins tiefe Wasser. Der knochige, schlanke Körper kühlte ab. Langsam trabte Cade zurück; das Tier gehorchte auf jeden Schenkeldruck.

»So, mein neuer Freund«, sagte Cade erschöpft, aber zufrieden. »Für die Dauer unserer Zusammenarbeit weißt du, wer der Chef ist.«

Fell, Sattel und Kleidung troffen; aus der geflochtenen Mähne rann Wasser. Cade dirigierte den Hengst zur Oase, ritt in den Schatten der großen Plattform vor den Ställen und kletterte aus dem Sattel.

»Du hast ihn besiegt, Vater der Sporen?« Naueran tippte anerkennend gegen das Jadeschmuckstück des Stirnreifs. Cade starrte in die reptilartigen Augen des Reittieres. Sie befanden sich einen halben Orhun über seinem Kopf und blinzelten.

»Mühsam.« Cade klopfte den Hals des Hengstes und gab Naueran die Zügel. »Er gehorcht mir.«

»Er wird dir von heute an immer gehorchen, Herr Cade.« Der Stallknecht führte das Lemekh in den dunkleren, kühlen Teil des Stalles. Cade kletterte in ein Sandboot und steuerte wieder in die Sonnengrelle hinaus. Er wollte sehen, wie gut seine Truppe mit den Wüstenrennen zurechtkam.

Auf dem höchsten Punkt der Sanddüne hielt das Wüstenboot leise summend an. Wie eine Scheibe aus flüssigem Platin brannte die Sonne. Soweit das Auge reichte, breitete sich Sand aus; flimmernde Hitze und keine Spur von Bewegung, von sichtbarem Leben, wenigstens im Südwesten bis weit in den Nordwesten der Wüste hinein.

 

Die Schale des Bootes aus Flechtwerk, einigen Durminverstrebungen und einer Hülle aus Lemekh-Leder knarrte und knisterte. Der kaum wahrnehmbare heiße Wind ließ Sandkörner über den Dünenhang rieseln. Rechts neben dem hochgewölbten Bug, halb im Schatten des knöchernen Galions, rutschte Cade aus dem Sitz.

»Heiß, grell und viel zu groß für einen Jäger.«

Die gesamte Strahlung der Sonne schien sich im Metallspiegel eines der wenigen Kontrollinstrumente zu sammeln. Cade Chandra blinzelte, sah die Sonnenbräune seines Gesichts und den buschigen Schnurrbart. Die Spitzen waren zusammengedreht und hingen abwärts; vom linken Ende löste sich ein dicker Schweißtropfen. Er funkelte wie ein Tautropfen bei Sonnenaufgang, und Cade fühlte, wie noch mehr Schweiß aus seinen Achselhöhlen tropfte.

»Wo seid ihr, kühlende Brisen an den unermesslichen Stränden von 2001 Islands?«, murmelte er. Er gab sich die Antwort: sie waren längst Vergangenheit. Jetzt schwitzte er. Eine Tätigkeit, die er verabscheute – aber er musste sich eingestehen, dass er das letzte Fettpolster verloren hatte und dass seine Muskeln wieder perfekt arbeiteten. Mehr Vorteile konnte er bis jetzt diesem Wüstenplaneten nicht abgewinnen. Er steuerte das Schwebegefährt die Düne hinunter und auf den weiten Strand zu. Cade vermied es, sich ablenken zu lassen. In der Weite dieses majestätischen Planeten lauerten Geheimnisse und Gefahren; weniger für ihn und sein kleines Team als für Pharlevinc und das Imperium. Von rechts näherte sich eine Staubspirale. Vor der Wolke, die im Sonnenlicht glühte und unendlich langsam in die Richtung des Meeres trieb, zeichneten sich winzige Gestalten ab. Cade schob den Fahrthebel vor und steuerte das Boot über eine Folge langer Sandhügel hinweg, die gegen das Ufer zu niedriger wurden und vage Spuren von Bewuchs zeigten; dürre Queller und die Rispen seidigen Strandhafers. Die kochende Luft schien zu zittern, das Trappeln von zehn Dutzend Hufen wurde lauter.

 

»Wie immer im gestreckten Galopp: meine Damen und Herren Freunde.« Über der niedrigen Brandung drehte Cade das Gefährt und nahm die dunkle Brille ab. Fünfzehn Frauen und ebenso viele Männer versuchten seit drei Tagen, sich mit den Wüstentieren vertraut zu machen. Er hatte seine Erfahrungen mit den schnellen, genügsamen Lemekh schon hinter sich: blaue Flecke, drei Stürze in heißen Sand und eine deutliche beiderseitige Abneigung.

»Aber Storzia schafft es wieder einmal.«

Leichte Sättel, schwere Satteltaschen, Wasserbehälter, Waffen und Ausrüstung waren auf den Rücken der silberfarbenen Tiere festgeschnallt. Eine Mannschaft aus Planetariern und Imperiumsangehörigen stand in den Steigbügeln oder saß in den kantigen Sätteln. Die Lemekh bewegten sich in einem abenteuerlich schnellen Trab, streckten die langen Hälse und waren ebenso leistungsfähig und bedürfnislos wie die Diop von Khalakwolt.

Storzia hob den Arm, als er an Cade vorbeitrabte, und stieß ein lang gezogenes Trillern aus. Cade setzte die Brille auf, wich vor der Staubwolke aus und horchte in sich hinein; er schien sich der Natur dieser Wüstenwelt so gut angepasst zu haben, wie es ihm auf Khalakwolt und 2001 Islands gelungen war.

»Ich komme zurück. Die Reiter sind in einer halben Stunde da.« Er verschob das Kombinationsarmband, weil es schweißnass war und sich ein hellerer Streifen auf dem Unterarm bildete. »Wirf ein paar Eisstückchen ins Schwimmbecken, Geliebte.«

»Habaqoc lässt gerade Tee kochen.« Amourea kicherte. »Er ist ein lüsterner junger Mann.«

»Junger Mann! Zwei Jahre älter als ich. Ende.«

Cade steuerte das Boot zur Oase zurück. Die Reiter hatten sich in Gruppen geteilt und übten noch einmal den Trab zwischen Dünen und über den Sand. Habaqoc Jezirah Tshan, Psammarch dieser Halbinsel, hatte das Erbe seiner Vorfahren erweitert, verschönert und bereichert; seit das Imperium vom Planeten Pharlevinc jährlich eine beachtliche Menge kristalliner Kohlenwasserstoffe bezog, lebte er in angemessener Unbescheidenheit. Cade kam in den Schatten der Gebäude, deren Decken unter einer dicken Sandschicht verborgen waren, umsteuerte schlanke Säulen und ließ das Boot neben vierzehn anderen in unterschiedlicher Farbe zu Boden sinken.

Kireen, einer der vielen Diener, legte den braunen Zeigefinger an den synthetischen Bernstein des Stirnreifs.

»Zufrieden mit dem Boot, Fürst der unerschrockenen Suche?«

Er verbeugte sich. Cade sprang über die Bordwand.

»Völlig. In sieben Tagen, Hüter der geflochtenen Wunderlichkeiten, brechen wir auf. Sage bitte dem Herrn des Palastes, dass wir abends mit ihm sprechen müssen.«

»Er wird euch erwarten.«

Cade nickte und schob die Brille in die Stirn. Er hatte nicht vor, diese Art des Dialogs tagtäglich zu praktizieren, aber mitunter empfand er gewisse Wendungen als amüsant. Er grinste in sich hinein, während er die breite Treppe hinauflief und dachte: In Wirklichkeit genießt du es doch wieder, Jäger des Mondsilbers, vorübergehend der Verantwortung für die Beta-Eridanis-Region entronnen und mit deinen alten Freunden zusammen zu sein.

Im Nordflügel des halb unterplanetarischen Palastes bewohnten er und seine Freunde den schönsten Teil. Von Chandras Zentrale und von einigen Terrassen gab es Ausblicke auf das Nutzwasserreservoir der Oase und auf das Zentrum des uralten grünen Bezirks inmitten gewaltiger Sandmassen. Cade schob einen dreifachen Vorhang zur Seite und nahm das Armband ab.

»Wie viele Geheimnisse hast du aufgedeckt, Amou?«

An der sandfarbenen Decke spiegelten sich die Reflexe des Wassers; durch kreisförmige Öffnungen über dem Bassin strahlte Sonnenlicht hinein. In allen Räumen herrschten Kühle und hohe Luftfeuchtigkeit.

Amourea saß an dem langen Tisch, der von Geräten aus Imperiumslabors vollgestellt war. An der Wand hing eine große, dreidimensionale Karte von Pharlevinc in flirrender Mercatorprojektion.

»Ich hab dreizehn Sonden über den Städten stabilisiert. Sie sammeln Informationen und funken sie in die CAPSIZAL. In kurzer Zeit können wir sie von hier aus abrufen, Cade.«

Er streckte die Beine aus und schaltete die Thermostiefel aus. Die Sonnenbrille klapperte zwischen Funkgeräten, Monitoren und holografischen Bildzeichnern.

»Wenn ich nicht wüsste, dass kein Problem so einfach ist, wie es zunächst scheint, wären wir nicht hier.« Er zog den Saum des Hemdes auf.

»Es geht nicht nur um das Zeug unter dem Sand. Es geht auch nicht nur um ein paar Tonnen gestohlenes Gold.« Amou hob die Schultern und raschelte mit den Armbändern. »Worum es wirklich geht, werden wir herausfinden, Liebster.«

»Hoffentlich.«

Ein weiter Vorhang glitt auf. Cornaza balancierte Teegeschirr, gewürztes Fladengebäck und in heißem Öl und mürbem Teig gebackene Meeresfrüchte auf einem Tablett.

»Hierher, Zierde des Palastes.« Cade schob Folien, Stifte und Bilder auf der Tischplatte auseinander. »Was sprechen die Männer der Salzkarawanen?«

Die junge Frau ließ wie vieles im »Kasr Nihaja«, dem Palast des Friedens, mehr als nur grundsätzliche Eigenarten dieser Kultur erkennen. Die späten Nachfahren der Flüchtlinge eines galaktischen Krieges hatten überlebt und sich seit dreieinhalb Jahrtausenden dem Planeten angepasst. Sie zeigten Relikte archaischer Terra-Kulturen. Ob auf Khalakwolt, 2001 Islands oder Pharlevinc – überall entdeckte Cade Verhaltensweisen aus der Urheimat des Homo sapiens: Cornaza sah aus wie die schönste Palastsklavin eines maurischen Provinzemirs aus einer archaischen Vergangenheit.

»Sie sprechen viel und sagen wenig, aber überall dort, wo sie reiten, steigt die Unruhe. Alle wissen’s: Unheil und Seuchen des Hirns greifen nach den Pharlevincnoi.«

»Habaqoc sprach mit ihnen?« Cade sah gebannt zu, wie neun große Tropfen Honig sich schlierend im Tee auflösten.

»Er wird bald alles wissen. Vielleicht mehr als ihr.« Cornaza legte drei Finger an die Lenza, den Stirnreif. Sie trug einen funkelnden Topas. »Wie stets und immer.«

»Danke, Schwesterlein.« Auf einem Gerät blinkten Leuchtfelder. Amourea nickte und legte einen Finger auf den Schalter.

»Storzia?«

»Ja. Schwimmen wir ein paar Ormil?«

»Nicht, bevor du ein paar Liter Tee getrunken hast. Hier. Im Kommandostand.«

Storzia Grurs Stimme begann zu leiern: »Khyllach, Gamander, Efser und Hiri-Hiri. Und Abaton, die Wandernde…«

»Schon gut«, sagte Cade laut. »Jeden dieser Städtenamen werden wir noch zu hassen lernen. Ich kann sie auch auswendig. Komm her, Mann!«

»Bis demnächst.«

Cade grinste. »Ein loser Ton, eine Verachtung der Flottendisziplin, höchste Effizienz und schlechte Manieren. Meine alte Mannschaft! Was soll ich von ihnen halten?«

Der Glasstab klirrte im durchscheinenden Tonbecher, als Cade gedankenverloren umrührte.

»Das Höchste, wie wir wissen, Commander.« Amou schenkte ihm ein aufgesetztes Lächeln. »In einigen Tagen fängt die brutale Disziplin unserer Mission an. Denk daran, was uns DuRoy erklärt hat. Es geht um die Struktur eines Planeten mit rund fünfhundert Millionen Individuen.«

»Und um fast vierzig Tonnen Gold und Juwelen.«

»Und um mehr.«

Sie blickten sich über die Breite des Tisches und die Stapel der Unterlagen an. Ihre Gesichter waren ernst. Sie waren gewiss, auch diese Aufgabe lösen zu können. Aber trotz aller Unterstützung der Imperiumsflotte blieb die Mission ein planetenweites Rätsel, das nur wenige lösen konnten: Cade, Amourea Gonavard, Storzia Grur und Jadar Kastor. Und, vielleicht Habaqoc Jezirah Tshan, neunundvierzigster seines Geschlechts und Psammarch über fünf Prozent des Planeten.

 

Habaqoc Tshan, etwa vierzig Jahre alt, zwirbelte lange die Spitzen des Schnurrbartes, ehe er sich äußerte. »Nichts ist ganz sicher unter dem Licht der Sonne oder der Monde.« Über den Ausschnitten der Hallendecke funkelten die Sterne. Auf Cade wirkten sie wie eine Drohung. »Aber überall dort, wo Sand ist, gibt es keine Spuren. Noch schweigen die Thegne der dreizehn Städte. Noch weiß niemand von dem Diebstahl.«

»Offiziell nicht einmal ich.« Cade strich eine Falte seines Pseudoburnus’ glatt. »Wir haben rund um den Planeten gesucht und geortet. Es hat nachweislich, drei Stunden nach deiner ersten Meldung, kein Raumschiff diesen Planeten verlassen. Nicht einmal ein windiges Raumboot.«

»Das weiß ich. Müßig, darüber zu sprechen und zu wiederholen, dass in neunzig Tagen die Wanderungen, Besuche, die Heiratsmärkte und alles andere beginnen. Ein paar Millionen Leute werden auf Lemekh und in Schwebebooten unterwegs sein.«

»Auch ich habe nichts gehört.« Jadar strich über seinen fast haarlosen Schädel. »Aber bei mir verkehren ja nur Fischer und Wüstenreiter aus dem Umkreis der Oase.«

»Ich erhoffe mir deutliche Spuren, wenn wir mit dem Raumschiff zu suchen anfangen«, sagte Amou. »Morgen!«

»Tochter der Sterne!« Der Psammarch schielte nach den Gläsern, in die Storzia drei Finger hoch Naqnaq goss. Ein Unterwasserscheinwerfer flackerte kurz und erlosch. »Das erhoffen wir alle.«

Prunk, hart an der Grenze zum Kitsch – Cade definierte ihn als archaisch-orientalisch –, zwischen filigranen Wänden umgab die kleine Gesellschaft. Sämtliche Gebäude bestanden aus einer Mischung von Sand und Zement, die Träger hatten einen Kern aus ordinärem, rostfreiem Stahl, und jede Einzelheit der Gebäude ließ die Handarbeit von Künstlern erkennen, die jene erstarrende Masse virtuos geformt hatten. Jede Wand schien ein einziges Ornament zu sein, jede Säule ein Kunstwerk, und jede scheinbar massive Fläche durchzogen geheime Gänge, Rohre, Kanäle und Flüstergalerien. Einst war Sedimentgestein zu Sand erodiert worden; seit Jahrtausenden baute man im Wüstengürtel auf diese Weise und überführte Sand wieder in festes Gestein. Die Kunstfertigkeit hatte längst einen Höhepunkt erreicht. Sessel aus geflochtenem Ried, unzählige Kissen, Lemekhhaarteppiche in bizarren Mustern und polierte Steintafeln als Tische bildeten überall stilvolle Ensembles.

»Wahnsinn!« Storzia Gru hob sein Glas. »Dreizehn Statuen, jede rund drei Tonnen schwer, verschwinden aus verschlossenen Häusern.«

»Aus Tempeln.« Die schwarzhaarige Frau trug ein Glas zu Habaqoc und ließ sich auf ein Knie nieder.

»Ihr dürft es niemandem verraten.« Der Psammarch roch an dem betäubenden Getränk. »Panik! Aufruhr! Lähmende Produktionsunterbrechung! Streik und unermessliche Lohnforderungen wären die unausweichliche Folge!«

Cade wippte, mit dem rechten Fuß und warf Storzia einen blitzschnellen Blick zu. Er sagte:

»Immer und überall finden sich Wüstenbewohner, die den Polbewohnern sagen, was sie anzuziehen haben. Fürst des Sandes. Wir wissen, dass wir nicht laut über unsichtbare Diebe reden dürfen. Hältst du uns für blöde?«

»Nein. Aber ihr seid zusammen mit meinen besten Leuten nur eine Hand voll.«

»Es müssen wahre Genies sein, Vater des Schreckens, denn der Lohn, den das Imperium ihnen und dir zahlt, ist horrend.«

Der Herrscher blieb ungerührt und nahm einen Schluck Naqnaq. Er grinste kalt.

»Umsonst ist nicht einmal der Tod. Gräber graben ist teuer. Euer Lebenswasser ist zu loben.«

Die heitere Unterhaltung täuschte: Jene dreizehn Städte waren über ein riesengroßes Wüstengebiet verstreut. Karawanenwege von Oase zu Oase, entlang überlebenswichtiger Wasserstellen verbanden die Megaoasen miteinander. Es ließ sich nicht ermitteln, an welchem Punkt der planetaren Vorgeschichte die Wanderungen zu Pilgerfahrten geworden waren. Seit Jahrtausenden opferte jeder Besucher wertvolle Steine oder so viel Gold, wie er konnte. Vermutlich war es ein Äquivalent für eine Steuer, Maut oder Unterhalt für Karawansereien, die vor Urzeiten einen volkswirtschaftlichen Sinn gehabt hatte. Ein paar Millionen halbe Gramm Gold … Jadar vollführte eine Geste der Ehrfurcht und kicherte trotzdem.

»Irgendwo hocken ein paar Kerle mit rußverschmierten Gesichtern und schmelzen ganz viele handliche Goldbarren. Und in den Tempeln starrt diese Menge hohläugig auf leere Sockel.« Er hielt sein Glas Storzia entgegen. Plötzlich fiel ihm eine andere Frage ein. »Wo steckt eigentlich deine schöne, blonde Freundin Zakhari?«

Storzia tat, als wollte er die Flasche nach ihm schleudern.

»Sie blieb auf Khalakwolt und stillt bald unseren Sohn oder das Töchterchen, du fetter Kneipenwirt.«

»Erinnere mich gelegentlich daran.« Naqnaq gluckerte in Jadar Kastors Glas. »Ich werde euch ein passendes Geschenk zukommen lassen.«

Sie saßen auf einer runden Terrasse, die sich wie eine Lotosblüte aus einem Pfeiler erhob, der seinerseits aus dem Grund des Bassins hervorwuchs. Unter ihnen badeten und schwammen Dutzende Palastangehörige. Von den Treibhäusern waren die Sonnensegel entfernt worden; es roch nach frischem Grün und fremdem Gewürz. Irgendwo quäkte ein Funkgerät. Aus Hunderten Vertiefungen strahlten indirekte Leuchtkörper.

»Morgen Nacht starten wir.« Cade deutete auf Amourea und sich. Seine grünen Augen funkelten. »Allein.«

»Ich stelle die Karawane zusammen«, sagte Exgardist Storzia Grur. »Deine Magazine, Psammarch Habaqoc, leeren sich.«

»Sprecht ihr heute Nacht mit den Imperiumsschiffen?«

»Nein.« Amourea strich ihr langes Haar in den Nacken. Es war noch feucht vom Schwimmen. Ihre großen blauen Augen strahlten wie seltene Aquamarine. »Denn wir sind sicher, dass es keine Planetenbewohner waren, die eure Heiligtümer geraubt haben.«

Jezirah Tshan pfiff durch die Zähne und fasste nach der Hand Hermogenes. Jadar grollte: »Oder kannst du dir vorstellen, wie jemand mit einem Sandschweber drei Tonnen massives Gold davonschleppt?« Er deutete mit der Hand, die das schwere Glas hielt. Auf einem niedrigen Tisch standen dreizehn Statuetten, jeweils zehn oder zwölf Orra groß, offensichtlich vergoldet. Sie wurden in unterschiedlichen Materialien überall verkauft und verschenkt. Auf Cades Arbeitstisch befanden sich Abgüsse aus Kunststein; angeblich die exakteste Verkleinerung. Die Originale waren fast drei Orhun[fn] groß und natürlich hohl.

»Nein, Vater der Muskeln«, sagte Habaqoc. »Dazu reicht meine Fantasie nicht.«

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