Leseprobe – Der mystische Planet


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1.

Der gewaltige Nachen wurde von einer Handvoll Delfine und einem riesigen Fischschwarm gezogen. Fackeln und Öllämpchen illuminierten das Schiff, die Schuppen der schlanken Fischleiber glänzten im Licht wie poliertes Silber und überstrahlten das Funkeln der Sterne im unendlichen Raum.
Eine bunte Gesellschaft bevölkerte den Kahn, manchmal übertönte Gelächter und ausgelassener Gesang die Musik der Lyra und der Leiern. Tänzelnd und schunkelnd bewegte sich ein Zug von Mänaden und Satyrn vom Bug zum Heck. Sie hatten sich mit Weintrauben und farbigen Stofffetzen behängt. Ihnen voran marschierte Dionysos, der immer wieder einen kräftigen Schluck aus dem mit Wein gefüllten Pokal nahm. Unterstützt von den ekstatischen Frauen und den Fruchtbarkeitsdämonen grölte er:
»Und hast du nicht gesehn, sind wir in Athen, dann ziehen wir zur Athene, bewundern ihre Beene, orakeln dann wie toll, in Delphi bei Apoll, besuchen auch die Artemis, weil sie ja doch so reizend ist, der Schritt führt dann zum Meeresbusen, wo wir mit den Musen schmusen, in Sparta trinken wir dann Wein, den schenkt die süße Hebe ein, schon sind wir in Korinth, wo liebliche Hetären sind, dann geht es zum Olymp zurück, und weiter geht das Götterglück. Und hast du nicht gesehen …«
»Dümmere Verse sind dir wohl nicht eingefallen, was?«, fauchte die ewig jungfräuliche Athene, als ihr Halbbruder an ihr vorbeikam und sie frech angrinste.
»Nein, Schutzgöttin der Helden und der Künste.« Dionysos nahm seinen Efeukranz vom Kopf und schwenkte ihn im Takt.
»Dann ziehen wir zur Athene, bewundern ihre Beene …«
Der Zug bewegte sich zurück zum Bug. Dionysos löste sich von der Mänade hinter ihm und trat zur Seite, um seinen Kelch zu füllen. Sein Gesicht war vom Genuss des in Strömen fließenden Weines gerötet, doch seine Augen blitzten.
»So liebe ich die Feste.« Er setzte sich den Efeukranz wieder auf, dann nahm er einen großen Schluck aus dem Weinglas. »Wir Götter verstehen es eben zu feiern.«
»Dabei haben wir keinen Grund dazu«, brummte Hephaistos, der mit Akribie einen Schild bearbeitete.
»Du machst mich noch verrückt mit deiner verdammten Schmiederei.« Wütend stampfte Dionysos mit dem Thyrsos auf, einem Stab mit einem Pinienzapfen daran. »Lege endlich den Hammer aus der Hand und höre auf, zu arbeiten. Erfreue dich wie ich an Wein, Weib und Gesang.«
»Wie soll ich mich an meiner Gemahlin erfreuen? Sie betrügt mich mit Ares.«
»Und wenn schon.« Dionysos leerte den Pokal. »Sie ist von allen Göttinnen die schönste.« Er brach in homerisches Gelächter aus. »Und du bist von uns allen der hässlichste.«
Die anderen Götter fielen in das Gelächter ein, lediglich Hera, Athene und Artemis verzogen keine Miene.
»Was soll das heißen, dass Aphrodite die schönste ist?«, herrschte Hera Dionysos an.
»Es ist die Wahrheit. Schließlich ist sie die Göttin der Liebe, der Schönheit und des Reizes. Oder willst du das bestreiten?«
»Hört auf mit diesem Gezänk.«
Zeus schleuderte einige Blitze über die Häupter der anderen Götter hinweg. »Wir sind schließlich nicht mehr auf Olymp.«
»Vielleicht wäre es besser gewesen, dort zu bleiben«, meinte Athene.
»Sieh an, unsere keusche Athene scheint ihr göttliches Auge auf einen Sterblichen geworfen zu haben.« Dionysos kicherte. »Oder sollte es gar ein Held sein?«
Athene gab keine Antwort. Stattdessen versetzte sie dem Gott der Fruchtbarkeit einen Stoß mit der stumpfen Seite ihres Speeres.
Dionysos, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, geriet ins Stolpern, suchte vergeblich nach einem Halt und landete mit dem verlängerten Rücken auf dem Amboss. Dummerweise lag dort immer noch der heiße Schild, den Hephaistos bearbeitet hatte.
Mit einem Schmerzensschrei fuhr Dionysos hoch. »Satyrn, herbei, bringt Wein – schnell!«
Zehn, zwölf Fruchtbarkeitsdämonen kamen herbeigeeilt und reichten ihrem Herrn gut gefüllte Pokale. Von jedem trank Dionysos einen Schluck, den Rest goss er zur Kühlung auf sein lädiertes Sitzfleisch.
»Ah, das tut gut.« Er warf Athene einen bösen Blick zu. »Ich hätte nicht übel Lust, dir diesen Streich heimzuzahlen, du Emanze. Es ist eine Sünde, dieses köstliche Nass für so ordinäre Zwecke zu
vergeuden.«
»Warum hast du auch gleich nach Wein geschrien? Nimm dir ein Beispiel an mir – ich lasse an meine Haut nur Wasser und OSKS.«
»OSKS?«, fragte Dionysos entgeistert.
»Typisch Mann.« Missbilligend schüttelte Athene den Kopf. »Wir alle nehmen sie – Olivenschaumkremseife. Drei Jahre vor unserer Abreise war Persephone auf dem Olymp und hat uns eine
Probe davon gebracht. Ihre Mutter Demeter hat nämlich die Alleinvertriebsrechte für Griechenland, und ihr Werbespruch lautet: OSKS – die Seife der Götter! Mit achthundert noch so aussehen
wie mit achtzehn!«
»Aber wir können doch nicht altern.«
»Darum geht es auch gar nicht. Es ist uns einfach ein Bedürfnis, gepflegt zu sein, einen reinen Teint und eine weiche Haut zu haben.«
Mit offenem Mund starrte der Gott der Fruchtbarkeit die Göttin an, die trotz Helm, Speer und Schild ihre Weiblichkeit zwar nicht verleugnen konnte, aber sich eher maskulin als feminin gab.
»Empfehlen kann ich dir das Mandelblütendeo gegen Körpergeruch und Achselschweiß, aber auch die Zahnpasta mit Meeralgenanteil gegen Paradontose und Karies.«
Wer Dionysos kannte und seine Mimik zu deuten wusste, musste erkennen, dass er nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Er übersah das von einer Mänade dargebotene Glas – was ihm noch nie passiert war – und blickte ratlos und Hilfe suchend seinen Vater an.
»Benutzt du auch OSKS und Mandelblütendeo?«
»Unsinn.«
»Es würde dir aber nicht schaden. Manchmal riechst du schon recht streng«, warf Hera ein. »Vor allem dann, wenn du dich wieder mal in ein Tier verwandelt hattest, um einer irdischen Geliebten
zu imponieren.«
»Bitte, Hera, wir wollen uns doch hier vor den Kindern nicht streiten.«
»Da du etliche deiner Seitensprünge und ihre Folgen quasi legalisiert hast, indem du die Nachkommen zu Göttern erhoben hast, dürfte das doch eigentlich belanglos sein.«
Zeus ging nicht darauf ein.
»Ich möchte auf das zurückkommen, was Athene gesagt hat. Ich hielt es für nicht mehr tragbar, auf einem Planeten auszuharren, wo kein Mensch mehr an uns glaubt und niemand mehr für
uns opfert, wo unsere Tempel verfallen und andere Heiligtümer errichtet werden.«

 

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