Leseprobe Die Vierte Macht


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»Ihre Zeitung ist heruntergefallen.«
Noch bevor er sich aus dem Sitz heraus nach vorne streckte, um das Blatt aufzuheben, schoss dem Veterinär durch den Kopf, dass er sich gerade wie ein Dummkopf benommen hatte, diesen Satz auf Deutsch zu sagen. Wer in Kuala Lumpur sollte ausgerechnet diese Sprache verstehen? Der angesprochene Fluggast, der damit beschäftigt war, sein Laptopköfferchen im Gepäckfach zu verstauen, blickte nach unten.
»Was meinten Sie?«
Er sprach ebenfalls deutsch. Elektrisiert sah der hünenartige Mann zu dem Sprecher auf, ließ Zeitung Zeitung sein und sprang auf.
»Richard? Richard Bender?«
»Ja, ich bin es.«
»Riechie!«
»Wolf!«
»Verrückt, dass wir uns ausgerechnet hier am anderen Ende der Welt treffen.«
Voller Wiedersehensfreude schüttelten sich die beiden Männer die Hände, klopften sich auf die Schultern und umarmten sich. Die etwas lautstarke Begrüßung war bei den anderen Leuten an Bord nicht unbemerkt geblieben. Meist waren es Asiaten, die deutlich zierlicher waren als die beinahe hühnenhaft wirkenden Männer. Immerhin maß Bender 1,80 m, Sauer sogar 1,85 m. Die hatten mittlerweile in ihren nebeneinander stehenden Sitzen Platz genommen und sich angeschnallt.
»Fliegst du auch nach Peking?«
Bender nickte.
»Dort findet am Wochenende der diesjährige Welt-Internisten-Kongress statt. Und ich bin der Präsident, also muss ich hin.« Er hob seine Zeitung auf und legte sie auf den freien Nachbarsitz.
»Und du? Hast du auch einen dienstlichen Termin in Peking?«
»Nicht ganz, es ist nur ein Zwischenstopp.« Wolf Sauer setzte eine gespielte Leidensmiene auf.
»Ich bin dann mit einer chinesischen Expedition unterwegs.«
»Warum beteiligst du dich daran? Du hättest doch absagen können.«
»Forscherehrgeiz und Entdeckerlust. Angeblich wurde eine Schlammspringerart entdeckt, die nicht nur über die obligatorischen Kiemen, sondern zusätzlich über ein Labyrinth-System verfügt. Es wäre eine wissenschaftliche Sensation.«
»Also bist du immer noch der Fisch- und Lurch-Doktor?«
Der Tierarzt mühte sich, das Lachen zu unterdrücken und gab ein paar glucksende Laute von sich.
»Möchtest du meine Karte?« Ohne eine Antwort abzuwarten, reichte er seinem Sitznachbarn ein Stückchen bedruckten Kartons. ›Professor Dr. med. vet. Wolf Sauer, Vize-Präsident der Justus-Liebig-Universität, Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische‹ war da zu lesen.
»Donnerwetter.« Bender schnalzte anerkennend mit der Zunge. »Aber dass du mit deinen Fähigkeiten immer noch in Gießen bist, wundert mich.«
»Ach, weißt du, ich fühle mich in der Stadt wohl. In der Uni habe ich nette Kollegen und Mitarbeiter, unser Haus steht dort, und für meine Frau und die Kinder war Gießen ja von Anfang an ihre Heimat, weil sie dort geboren sind. Und du? Bist du noch an der Goethe-Uni in Frankfurt?«
»Nein, da bin ich schon vor zwei Jahren weggegangen. Ich arbeite seitdem in Boston an der Boston University als Dean.«
»Entspricht das nicht in etwa einem Dekan in Deutschland?«
Als Bender bejahte, fuhr Sauer fort: »Ich habe letzte Woche ein paar Gastvorlesungen hier an der University of Malaya gehalten, die haben wohl ein ähnliches System.«
Die Boeing 777 der Kuala Wings hatte inzwischen ihre Reiseflughöhe von 35.000 Fuß, also 10.700 m, erreicht. Leuchtschriften und eine Durchsage informierten die Passagiere, dass sie sich losschnallen konnten. Dem kamen die beiden Ärzte umgehend nach.
»Und wie geht es deiner Familie?«
Man merkte Richard Bender an, dass er sich bei der Frage unwohl fühlte.
»Ich denke, gut«, wand er sich und überlegte angestrengt, wie er das Gespräch auf ein anderes Thema lenken konnte, doch Wolf Sauer setzte bereits nach.
»Du denkst, gut?« Das letzte Wort dehnte er regelrecht. »Sind Gabi und die Kinder noch in Frankfurt?«
»Das weiß ich nicht«, gab Bender ungehalten zurück.
»Ist ja schon gut«, beschwichtigte Sauer. »Komm, zur Feier des Tages lade ich dich zu einem Glas Sekt ein. Ich glaube, dieses Tröpfchen ist unserem Wiedersehen angemessen. Wie lange liegt unsere letzte Begegnung zurück?«
»Das muss mindestens sieben, acht Jahre her sein, denn da kannte ich Linda noch nicht.«
»Linda?«
»Meine zweite Frau, keine Kinder, die Ehe ist ebenfalls geschieden. Zufrieden?«
»Richie, das hätte ich dich ganz bestimmt nicht gefragt, wenn ich es gewusst hätte.«
Der Tiermediziner winkte einer Stewardess. Die hübsche Malaiin kam wie ein Schatten herangehuscht. Sie sprach englisch mit einem leicht amerikanischen Einschlag.
»Sir, what can I do for you?«
Sauer gab seine Bestellung auf, diesmal sprach er aber wohlweislich englisch. Nur wenige Minuten später war die Flugbegleiterin zurück, öffnete die Piccolos und füllte das perlende Getränk in die beiden mitgebrachten Gläser.
»Do you need anything else?«
»No, thank you.«
Die junge Frau lächelte ihr unergründliches Lächeln und verschwand so unauffällig, wie sie gekommen war.
»Dann wollen wir mal!«
Die beiden Männer prosteten sich zu, als plötzlich ein hellblaues Licht die Passagiermaschine erfüllte. Das Leuchten dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann war es wieder verschwunden.

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