Leseprobe – Tor der tausend Sonnen


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01 – Prolog

In der letzten Nacht seines langen Lebens betrachtete Toured IX Elgomaisa in erschöpftem Schweigen die Sterne.

Er wusste, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte. Das schattenlose Licht des Nachmittags würde er nicht mehr sehen: Er schaute reglos zu, als sich der dunkelgraue Mond Clangan dem Rand des planetaren Nebels näherte, jener mondgleich großen Scheibe leuchtenden Staubs um den Stern, der in einigen Jahrtausenden zu einer weißen Zwergsonne geschrumpft sein würde, genau im Zenit über Ayruqabt, dem Ort der Verzweiflung.

Toured wartete über das Verdämmern des Sternenhimmels hinweg und das seidenweiche Licht der Morgendämmerung bewundernd, bis zu den Stunden, in denen Sonnenlicht die Farben der riesigen Felsen aufglühen ließ. Zwischen dem Ende der Dunkelheit und den ersten seine Felskanzel treffenden Sonnenstrahlen verwandelte sich sein Körper langsam und schmerzhaft in die non-anthropoide Form zurück.

Vom Fluss und aus den Klüften stieg zugleich mit dem hallenden Vogelgeschrei der Geruch des Brackwassers auf. In der heißen Luft, hoch über Toured Elgomaisas weißer Terrasse, kreisten Raubvögel; schwarze, doppelsichelförmige Silhouetten, die seine brennenden Augen nur undeutlich wahrnahmen.

Sie werden nicht mehr lange in der Thermik kreisen müssen, dachte der Greis. Seine Rückverwandlung ging unaufhaltsam weiter.

Toured IX saß hoch über den phantastischen Klippen der erodierten und geformten Felsen und lauschte dem murmelnden Strom seiner Gedanken, die zu den ersten Tagen seines Volkes auf dieser Welt zurückkehrten. Wenn sie die Gegenwart wieder erreichten, würde er sterben – er wusste es mit der ruhigen Gewissheit von Jahrhunderten. Sein ausgezehrter Körper warf einen winzigen Schatten.

Ein letzter Funke Lebensenergie hielt Toured aufrecht, bis er in Stille und Einsamkeit zusammenbrechen würde. Seine kalten Finger zitterten auf der rotbraun-pergamentenen Gesichtshaut. Große, mit milchig-silbernem Schimmer überzogene Augen lagen unter scharf gezogenen ergrauten Brauen in tiefen Höhlen. Der haarlose Schädel schien über dem togaähnlichen Gewand aus schwarzweiß-silbernem Stoff zu schweben. Der knochige Körper, Ergebnis langer Askese und der Auszehrung durch die Verwandlung, war der eines Todgeweihten. Nur die schmalen Hände mit den sechs langen Fingern zeigten, dass er noch lebte.

Am linken Handgelenk schaukelte ein breiter Reif aus Platin, Gold und Wolframtitankarbid-Intarsien; wie gezeichnete Weltenformeln exotischer Kosmogonien. Toured lehnte am Stein, der sich erwärmte; er fröstelte und sehnte sich nach dem Tod.

Über einem Felssturz löste sich eine Platte, sackte herab und zerbrach in viele blauschwarze Würfel. Sie rollten über den Hang, wirbelten über dessen Kante und trafen auf Geröll. Eine kleine Steinlawine polterte in die Schlucht, ins Wasser und auf den Erosionssand. Echos zitterten in der Schlucht, der Wind summte und gurgelte zwischen den Schründen, jenen Symbolen unaufhaltsamen Alterns, des Zerbröselns aller Dinge, der Zivilisation und Kultur, der Würde und der verpflichtenden Konsequenzen – mit ihm, Toured, endete dies alles unwiderruflich.

Die Raubvögel würden nicht viel zu fressen bekommen. Nur Haut, Knochen und Gehirn; der erschöpfte Sitz des Verstandes, der fast zwei Jahrhunderte lang geglänzt und gefunkelt hatte, bis sich die letzte Energie verzehrte. Toured IX konnte nicht einmal mehr sarkastisch grinsen; die Muskeln waren zu schwach.

Damals, nachdem die überfüllten Beiboote und das Wrack des Raumschiffs in der Vulkancaldera notgelandet waren, hatten sie erstmals versucht, das Weltall auf den Planeten zu holen, denn bald mussten die Überlebenden erkennen, dass ihr Schiff nie wieder würde starten können. Sie waren dreißigtausend Lichtjahre von der Heimat entfernt, nach einem Kurs, der sich radial zu den Dunkelwolken des galaktischen Zentrums spannte. Neunhundert Frauen und Männer hatten sich auf das Leben und Überleben auf Ayruqabt eingerichtet, unter dem Licht Malgoratas, unter fremden Sternbildern und den Monden Syrni und Clangan, im nächtlichen Leuchten des sanft pulsierenden planetaren Nebels, der die Polachse Ayruqabs markierte.

Die Beiboote waren ausgeschwärmt und hatten kleine Kolonien intelligenter Planetarier gefunden, meist an den Rändern des Riesenkontinents oder auf Halbinseln und Inseln. Die erste bittere Erkenntnis für Kommandant Elgomaysa war, dass sich schon während der Bauarbeiten der Stadt seine Leute – in geänderter Gestalt – mit den Eingeborenen vermischten und ihre dominanten und rezessiven Gene und DNS-Strukturen an die bronzezeitlichen Planetarier weitergaben.

Zunächst sägten und schnitten sie die Stadt aus den Felsen des erloschenen Vulkans und der Granitmassen des Eruptivgesteins. Von den Jagden, die viele Teams nachts in das Land am Fuß des niedrigen Bergs führten, kamen manche Leute nicht zurück. Sie paarten sich mit Eingeborenen. Nicht alle glaubten an die Verpflichtung, das Erbe zu wahren. Andere verschwanden in den leeren Wäldern und führten dort ihr zweigeteiltes Leben. Toured IX und andere versuchten in heldenhafter Anstrengung, das zu tun, wozu sie während des furchtbaren und aussichtslosen Krieges keine Zeit gehabt hatten.

Mühsam drehte Toured den Kopf und senkte den Blick. Er betrachtete die große Kugel aus rauchigem Glas, die zwischen den scheinbar ewigen Felsen stand und keine Schatten warf. Sie schien auch das Licht zu schlucken; angewandte, höchstwertige Mathematik, in sich gekrümmter Raum, dargestellt und ausgeführt mit Hilfe von Millionen Tonnen neuartiger Glasmischung, angefüllt mit den Ergebnissen der Stellarphysik, Hyperraummechanik, Dimensionsebenen-Mathematik und allen Erkenntnissen, die sich in den Speichern des Wracks und den Gehirnen der Wissenschaftler fanden, mit den Resten des Metalls des Wracks und der Beiboote.

Sein Werk. Alle anderen Helfer waren nach einem Jahrhundert verschwunden, gestorben, vergessen. Während viele Individuen der bronzezeitlichen Horden des Planeten starke Entwicklungsschübe verkraften mussten, leerte sich die Felsenstadt, wurden die Eingänge versiegelt.

Toured, einst der unbarmherzige Kommandant, hatte sich jahrzehntelang gegen das Auseinanderbrechen der Gemeinschaft gewehrt und durch die Optiken der Spähersonden gesehen, dass sich an den Küsten und Flussmündungen die Siedlungen vergrößerten und das edle Erbgut in den Kindern zeigte. Er entsann sich Ashdars schmalen Gesichts; eine Phase perfekter seniler Reproduktionsfähigkeit zeigte ihm noch einmal seine Gefährtin, und ihm fiel ein, wie sie ihn in ihren Armen zu trösten versucht hatte.

»Du wirst nicht verhindern können, mein Liebster, dass in einem Jahrtausend alles vergessen sein wird. Sie wollten nicht mehr zu den Sternen zurück. Vielleicht ein paar von ihnen. Oder erst wieder die Kindeskinder. Tu, was du für richtig hältst; beende dein Werk, lächle zu den Widrigkeiten und stirb wie alle von der ersten Mannschaft. Vielleicht findet ein anderer Raumfahrer unser Geheimnis, vielleicht landet ein Schiff, vielleicht … wir haben nur noch ein Ziel.«

»Welches Ziel, Liebste?«

»Warten. Auf den Tod.«

Ashdar war längst zu Staub geworden. Ihre Schönheit und kluge Warmherzigkeit trieben, symbolhaft betrachtet, als Partikelschleier um den Planeten.

Toured verzog die kalten blutleeren Lippen zu einem Lächeln, zu einer grausigen Grimasse. Er nahm einen Schatten wahr, der von schräg rechts kam, einen Halbkreis beschrieb und sich mit krachenden Flügelschlägen wieder entfernte. Die Aasvögel waren hungrig. »Geduld, nur Geduld, meine Freunde«, murmelte er. »Ihr werdet weder froh werden noch satt.«

Er hatte Funktionen und Wirkung all dessen erlebt, was er in weniger als zwei Jahrhunderten auf dem Planeten an fünf Dutzend Stellen aufgebaut hatte. Er hatte gelernt, geliebt, war geliebt worden, hatte Leben gezeugt und getötet, bewahrt und gefördert, hatte in den Nächten die wahre Natur des Planeten erfühlt und erlebt, als letzte und schwerste Arbeit nach der Errichtung der Inselzonen die Stadt und die Kugel geschaffen, das Ergebnis seiner Berechnungen und der Brennpunkt aller Erfahrungen seines Sternenvolkes. Nicht ein einziges Individuum war über die unsichtbaren Pfade nach Ayruqabt gekommen. Über ihm schrien rau und misstönend die Vögel.

»Geduld! Bald …«

Die Jäger und Fischer in den Randzonen des Kontinents waren ferne Verwandte der Raumfahrer. In der Gesamtheit hatten die Schiffbrüchigen überlebt und ihre Erbmasse weitergegeben, aber nicht ihre überlegenen Kenntnisse. Der Weltraum war ihnen verschlossen geblieben.

Es schien dunkler zu werden; nicht die Sonne sank, sondern die Augen begannen zu versagen. Das Leben verlosch wie ein lautloses Flämmchen. Toured starb, ohne es zu fühlen, rutschte langsam am heißen Stein hinunter, knickte in den Knien und der Hüfte und streckte sich aus. Der erste Vogel fiel wie ein Meteorit aus dem Himmel, landete auf dem Sims, schrie und faltete die Schwingen ein.

 

Ein Windstoß riss die weißen Knochen auseinander. Ein zahnloser Schädel schien den Fingern und dem Wolframtitankarbid-Reif hinterherzugrinsen. Die Knochen zerfielen zu Staub, der planetare Nebel wuchs, breitete sich aus und veränderte seine Farbe: Die Weiße Stadt und die Große Kugel blieben unversehrt. Langes Bambusgras, das nicht von Ayruqabt stammte, wucherte in Spalten und Fugen und im angewehten Staub, der die Höhlung des Rings ausfüllte. Im Vogelkot wuchs ein Samenkorn, ein Bäumchen entstand, an dessen Ast der Reif im heißen Wind des Mittags schaukelte. Bambus und Bäumchen verdorrten, neue Triebe sprossen, Schnee und Regen fielen. Das Licht des großen gelben Mondes, die Sterne und die leuchtende Gasscheibe des planetaren Nebels spiegelten sich matt im Glanz von Gold und Platin.

 

Aus: David J. Seydenblum jr.: Vom Faustkeil zum i-Punkt-Universum (A Users Guide); Shirkumar University Press, Bendal City, Benetnatch, Ursa maioris, © = 2567, 48. bearb. Auflage

»… gelang es der expandierenden Menschheit in der Mitte des XXVI. Jahrhunderts, eine größere Anzahl erdähnlicher Welten zu entdecken. Von der Erde aus in gerader Linie über die Sonnen Arabella VI, Devils Flares und BD +76° 318NEX springt das Raumschiff an den Rand einer ovalen Linsenstruktur voller Sonnen und Planeten (die letzte, dieser Ausgabe zugrunde liegende Durchmusterung ergab 457 Sonnen und 248 bewohn- und kolonisierbare Welten) im sog. Perseus-Arm, vor der majestätischen Kulisse der galaktischen Dunkelnebel. Die wenigsten Welten innerhalb dieser Zone (das holografische Konstrukt ähnelt tatsächlich verblüffend einem i mit übergroßem Punkt!) sind vom Homo sapiens oder seinen galaktischen Enkeln besiedelt, und auf fast jedem Planeten finden sich ein Raumhafen oder mehrere Landeplätze mit der nötigen Infrastruktur. Selbstverständlich dienen einige der Welten als Lieferanten exotischer Hölzer, Gewürze, Metalle etc. oder Tiere für Terras zoologische Gärten. Der Druck der Überbevölkerung, das GRIND, das Große Internet-Desaster und die Probleme der Beseitigung jener 2115-Klimakatastrophe wurden für Terra indes drastisch geringer, seit größere Bevölkerungsgruppen auswandern wollen und dies auch tun.

Wenige Jahre, nachdem NASA und ESA und andere staatliche Raumfahrtbehörden unfinanzierbar wurden (s. ›Das Vermögenssteuer-Massaker von Neu-Bombay und Beijing/Peking 2121‹, Seiten 1256 ff.), übernahmen internationale Firmen und Konzerne deren technische und wissenschaftliche Konkursmasse. Nachdem die ersten fremden Sonnensysteme und bewohnbare Welten entdeckt waren, nannten sie sich IOKs; Interstellar Operierende Konzerne.

Heute findet man ihre Labels auch auf Ayllongan, Behemoth Beta, Craymund, und wie jene Welten alle heißen mögen. (Vollständiges Verzeichnis mit Kurzcharakteristik im Anhang.) Nicht Terra, sondern Absolute Helligkeit, Kühne Interferenz, Euklidischer Raum, Neuer Gegenschein, Offener Sternencluster oder Kosmischer Horizont teilen sich heute die Risiken und Einkünfte der Raumfahrt; mit unzähligen Sternenschiffen, von Ghentilfam- oder Ghentilhom-Kommandanten geflogen, besorgen sie den Verkehr und die Exploration. Gerade IOK Euklidischer Raum ist in der Suche, Entdeckung und Erschließung neuer Planeten anerkannt führend tätig.«

 

02 – Sharda Morghadens Relaunch

Sharda Morghaden blinzelte und starrte auf die gehobelten und weiß geschlämmten Bretter zwischen den Deckenbohlen, gähnte und hob den linken Arm. Er schob die Uhr, die an ihrer federnden Spange am Unterarm hoch gerutscht war, zum Handgelenk. Sechs Uhr, am siebenundzwanzigstündigen Tag des Planeten Furious Last Stop. Sharda richtete sich auf, schwang seine Füße herum und wurde sich erneut seiner Unbeweglichkeit und seines Übergewichts bewusst. Durch den Fenstervorhang drang kühle, feuchte Morgenluft; sie roch nach Wasser, Moos und Gräsern. Tauperlen glänzten am dünnen Stoff, die Sonnenstrahlen, kaum gefiltert, blendeten Sharda.

»Ist man erst einmal aufgewacht, ist der ganze Tag nichts mehr wert«, murmelte er, zog die Decke zurück und betrachtete Erissar, die zusammengekrümmt schlief, das Kissen in den Armen. Sharda schlüpfte in Hose und Stiefel und blickte gähnend um sich. Auf der Schreibtischecke stand ein Tonkrug, den Erissar in ein nasses Tuch geschlagen hatte. Sharda packte den Krug und trank das gekühlte Gemisch aus Fruchtsaft und Wasser in tiefen Zügen.

»Der Alkohol bringt mich noch um.« Er keuchte. »Und das verdammte Nichtstun.«

Er schlug den Vorhang zur Seite und tappte auf die hölzerne Plattform, die rund um die Hütte lief und auf Betongusssteinen stand. Sharda atmete einige Male tief ein und aus und ging die Stufen zum Wasser hinunter. Der Nebenfluss des Boburrah zog eine Schleife und war durch Felsen und eingerammte Stämme gestaut. Der kleine See trieb eine Turbine an, und der Überlauf erfüllte Tage und Nächte mit eintönigem Rauschen. Neben dem Bootsrumpf aus Plastan blieb Sharda stehen, zog die Hose aus und kniete sich am Ende des Stegs auf die taufeuchten Planken.

Einige Atemzüge lang betrachtete er sein Spiegelbild, spuckte in dessen Auge und hechtete ins Wasser. Drei-, viermal schwamm er zwischen den Ufern hin und her, kletterte auf den Steg und schleuderte Wassertropfen von den Händen. Er suchte in den Hosentaschen und brachte eine Packung schwarzer Koffeinzigarren zum Vorschein sowie ein zerbeultes Feuerzeug. Seine Bewegungen waren schlaff und langsam wie immer. Während er rauchte und das Badetuch auf der sonnenbeschienenen Seite der Planken ausfaltete, betrachtete er seinen Körper.

Es war längst nicht mehr der Körper eines siebenundvierzigjährigen Elitekapitäns, sondern das augenscheinliche Ergebnis von vierhundert Tagen Ruhe, zu wenig Anstrengung und zu viel Alkohol. Sharda hasste seinen Körper: Hundertneunzig Zentimeter groß und verfettet. Die Muskeln der Schenkel und Schultern konnten das Fett unter der sonnengebräunten Haut nicht mehr verstecken. Ein nutzloser, aufgeschwemmter Leib, der Herausforderungen nicht mehr begegnen konnte und gerade noch dazu taugte, Erissar jede vierte Nacht zu befriedigen. Neugier und Ehrgeiz, einst wesentliche Antriebe seines Lebens, waren verschwunden. Er war fast ganz unten und wusste es. Aber es regte ihn nicht mehr auf.

Dunst hing dicht über dem Wasser. Die Sonne BD +76° 318NEX schien als rotgelber Ball über dem Steilhang des Flüsschens zu schweben und verflüchtigte den Nebel. Ein Seeadler kreiste fauchend über den Baumkronen. Fische standen ohne sichtbare Bewegung in der Strömung und, als würden Shardas Gedanken sie erschrecken, schlugen sie mit den Schwänzen gegen die Uferströmung und schossen plötzlich flussaufwärts davon.

Alles ist unwesentlich, dachte Sharda und streckte sich im Sonnenlicht aus. Unwesentlich und bedeutungslos. Tiefe Gleichgültigkeit hatte ihn gepackt, hockte wie ein Alb auf ihm und füllte seinen Kreislauf aus; nichts und niemand wartete auf ihn. Nur das lausige Ende nach einem Leben als leistungsunfähiger, gedankenloser, fauler Paria. Er zog die Uhr vom Handgelenk und legte sie ins Sonnenlicht. Und doch: Erissar wartete auf ihn.

Hinter der Glaslinse im Zifferblatt blinkte das Datum: 12.06. Fast im selben Augenblick, als sich seine trägen Gedanken auf das erwartete Versorgungsschiff richteten, hörte er den fernen Donner eines Schallknalls. Er wartete, bis die Sonnenhitze überall auf seinem Körper glühte, zog sich an und ging ins Haus. Erissar deckte den Tisch unter dem großen Vordach.

Sharda trat die Zigarre mit dem Stiefelansatz aus, schlug nach einem Insekt und setzte sich in den Rohrgeflechtstuhl. Er betrachtete die junge Frau. Ihre Jugend und Schönheit erregten ihn nicht mehr, waren selbstverständlich geworden wie der Sonnenuntergang. Sie ging zwischen der kleinen Küche und dem Tisch hin und her und bereitete das Frühstück zu. Es roch nach starkem Terratroi-Kaffee. Unvermittelt drehte Erissar den Kopf und starrte ihn an.

»Erissar? Ich muss nachher nach Moribundus Beach. Reitest du mit?«

Sie zögerte sekundenlang und sagte: »Du machen lang Palaver mit Mister Oshamani?«

»Kein langes Palaver, Erissar.« Sharda lächelte müde. »Ich hol Sachen ab, die das Schiff bringt. Oder auch nicht. Kommst du mit?«

»Ney«, sagte sie. Ihre Stimme, ein voller Alt, stand im Gegensatz zu den lärmenden Eingeborenen ihres Stammes. Sie setzte sich Sharda gegenüber und goss Kaffee in seine Tasse. Schweigend sah Sharda in ihre Augen. Obwohl auch Erissar unwesentlicher Teil seines unwichtigen Lebens war, liebte er sie. Liebte er sie wirklich? Er zwang sich, nicht darüber nachzudenken. Sie war hier und würde nicht davonlaufen. Er schüttete drei Löffel Zucker ins Gebräu und rührte langsam um.

»Dann reite ich allein hinüber«, brummte er. »Wie immer.«

»Ich geh ‘n bisschen an Fluss. Schwimmen und Fischen. Savvy?«

»Savvy«, antwortete er mit vollem Mund und langte nach dem Bord unter dem Fenster. Er schaltete den kleinen, solarbetriebenen Empfänger ein. Über die Antennen von Moribundus Beach hörte er die übliche seichte Unterhaltungsmusik, die Werbespots und die Nachrichten ignorierte er.

»Moozack gutt, Sharda.«

»Die Musik ist gut«, sagte er leise und grinste. Die Szene erinnerte ihn an ein lang verheiratetes, halb analphabetisches Ehepaar, das sich am sonnigen Morgen spracharm und ironiefern gegenübersaß. Sein Grinsen wurde breiter, als er tropfende Sahne in die zweite Tasse hineinrührte. Erissar sagte langsam: »Die Muuusick ist gut.«

»Richtig. Fast«, murmelte er und streichelte die Wange der jungen Frau. Erissar lehnte ihr Gesicht in die Handfläche, und er zog die Hand langsam wieder zurück. Die Häuptlingstochter aus dem Delta des namenlosen Amarooga-Flusses, etwa zweiundzwanzig Terra-Jahre alt, war wie alle Eingeborenen des verdammten Planeten groß und schlank. Die Haut von der Farbe heller Bronze, die Erissar mit Blüten- und Nussölen pflegte, war ebenso seidenweich wie das schwarze, golden gesträhnte Haar. Aus dem schmalen Gesicht blickten auffallend große, fast schwarze Augen mit silbergesprenkelter Iris auf Sharda, der sich zwang, den Löffel aus der klirrenden Tasse zu nehmen.

Seit vierhundert Tagen, seit Gardoon Hawkcarn verschwunden war, lebte Sharda mit der Eingeborenen. Erissar zählte zu den Gründen, die Shardas persönlichen und gesellschaftlichen Niedergang eingeleitet hatten. Er war klug genug gewesen, Euklidischer Raum zu verlassen, ehe Hywalmer, Visalon Nas’ Sohn, ihn unehrenhaft feuerte. Er stemmte sich aus dem knarrenden Sessel.

»Als Köchin bist du eine kleine Sensation, Mädchen«, sagte er. Seine Stimme schmeichelte, aber in seinen Augen stand Gleichgültigkeit. Erissar schien zu spüren, wie ihre Beziehung lautlos mehr und mehr zerbröselte. Er nickte halbwegs zufrieden. Innerhalb des 400-Tage-Jahres hatten er die »Wahre Sprache« und Erissar Unicosmo ausreichend gelernt – voneinander, obwohl sie sich oft in planetarem Pidgin unterhielten. Aber für eine Häuptlingstochter schien es keine unbesiegbaren Schwierigkeiten zu geben.

»Erissar kocht gut?«, fragte sie. Er schloss die diamagnetischen Knöpfe des Wildlederhemds, steckte Zigarren und Feuerzeug in die Brusttasche und fädelte den Dorn der Gürtelschnalle im letzten Loch ein. Die Waffe zog den Gürtel nach links.

»Sehr gut.« Er setzte die Sonnenbrille auf und trat ins grelle Licht. »Ich bin um Mittag herum zurück. Hör genau zu, sprich die Worte nach oder lies im Lesegerät.«

»Savvy, Sharda.«

Sie begann den Tisch abzuräumen. Sharda ging auf den Steinplatten hinüber zum Stall. Der Schatten der mächtigen Schreckföhre fiel auf das Gebäude aus Lehmziegeln, Bohlen und Schilfgeflecht, das Sharda für die mühsam zugerittenen Tharcani gebaut hatte. Hornissen schwirrten mit mörderischem Sirren unter den wurmstichigen Balken zum Nest. Drei Reittiere drehten den Kopf und starrten Sharda an.

Er blieb stehen; ein wichtiger Gedanke zuckte durch seinen Verstand. Woran hatte er gedacht? Er vergaß den Einfall augenblicklich. Nichts konnte den dicken Vorhang der Gleichgültigkeit aufreißen.

Sharda hob die Schultern, nahm eine Satteldecke vom Haken, warf sie über Droys Rücken, wuchtete den Sattel darauf und zurrte den Bauchgurt fest. Als er die Steigbügel aus den Halterungen löste, war er sich bewusst, dass er buchstäblich jeden Griff, jede Bewegung ohne nachzudenken ausführte.

Jeder Versuch, sich mit seiner Lage oder seiner Umwelt auseinanderzusetzen, scheiterte im Morast der Gleichgültigkeit. Er wusste es und verharrte, unfähig, daran etwas zu ändern. Der Klang seiner dunklen, leicht heiseren Stimme beruhigte den schweren Hengst.

»Gut so, Droy«, sagte Sharda und zwängte die Kandare ins harte Maul des Tiers. Er warf die Zügel über den Hals, klatschte die Handfläche gegen die Adern und Muskelstränge unter dem scheckigen Fell und zog Droy aus dem Stall. Ächzend hievte sich Sharda in den Sattel, rammte die Absätze in die Weichen des Tharcans und sprengte schräg den Hang hinauf. Der ausgetretene Pfad, ohne Moos und Gras, verwandelte sich nach jedem Regen in einen Sturzbach.

Zweitausend Galoppsprünge waren es bis Moribundus Beach; Sharda ritt schnell und ohne Zügelhilfen. Das Tier kannte den Weg und war ausgeruht. Von der Oberkante des Prallhangs sah Sharda die Spiegelung treibender Wolken im aufgestauten Fluss und seine Blockhütte, aus deren Kamin sich ein Rauchfaden erhob, bis er an der Kante des Einschnitts vom Westwind zerfasert wurde. Tiere flüchteten vor dem Trommeln der Hufe. Rechts, hinter den Hügeln und Felsabstürzen, rauschte die Brandung. Kühle Luft, die nach Salz und Wasser roch, mischte sich mit dem dünnen Rauch. Sharda galoppierte auf die Zyklopenmauer zu, deren Erbauer niemand kannte. Als er auf die Sandstraße kam, sah er hinter den Wohn- und Verwaltungscontainern die silberglänzenden Antennen, die transparente Polkuppel und die obere Rundung der wuchtigen Triebwerkssäule. Das Versorgungsschiff war also gelandet, ohne dass Erissar und er darauf geachtet hatten.

Er erkannte seinen Irrtum, als er die Beschriftung und die Systemnummern des Schiffes las. Purpurne, weiße und gelbe Ornamente verliefen entlang des Schiffsäquators und funkelten im Sonnenlicht. Das Schiff schwebte einen Meter über dem Boden, hatte die Wassertanks geleert, wurde entladen und durch dicke Schläuche mit Frischwasser betankt.

Moribundus Beach, mit fünfzig Personen bemannt, lag auf einem Felsplateau zwischen Flussdelta, Meeresküste und einem Streifen Savanne und Wüste, deren Dünen in einen riesigen Strand übergingen. Sharda zog die Zügel und ritt langsamer auf das Tor zu. Uralte gemeißelte Steinfratzen grinsten ihn hämisch an. Er beschattete die Augen mit der linken Hand und las: Ferner Pulsar. Darunter: Euklidischer Raum. Unit 3309.

Sharda hielt das Tier an. Der Tharcan knurrte dumpf in der Kehle.

»Das bedeutet … Ärger. Was will Ghentilfam Racinah in dieser vernunftverlassenen Ecke der Galaxis?«

Er glaubte einige Zusammenhänge zu erahnen, stieß Droy die Stiefelabsätze in die Seiten und gab den Zügel frei. Nach einem kurzen Galopp stemmte das Tier vor den flachen Stufen des Eingangs die Vorderhufe in den Boden und kam schlitternd zum Stehen. Sharda ließ sich aus dem Sattel gleiten und knotete die Zügelenden an den Griff einer orangefarbenen Fracht-Transportkiste.

Seine Aufmerksamkeit, die beim Anblick des 75-Meter-Kugelschiffs kurz aufgeflammt war, erlosch und machte dumpfem Staunen Platz. Er stieß die Thermoglastür mit der Schulter auf. Als er den Stationsleiter erkannte, sagte er schroff: »Guten Morgen, Ghentilhom Valc Osmahani.«

»Morgen. Seltsames Betragen«, sagte Osmahani, blickte ein Hologramm an der Wand an und hob die Hand. »Ist Ihre Privatsache, Ghentilhom. Ich fürchte, Sie erweisen sich gegenwärtig einen schlechten Dienst damit. Sie haben Besuch.«

»Ich? Zu viel der Ehre. Wer?«

Ein Mann, der so viel verloren hatte wie er, sagte sich Sharda, brauchte sich um Höflichkeit und andere Konventionen nicht einmal mikroskopisch kleine Sorgen zu machen. Eine Tür glitt auf. Ghentilfam Gortammen kam herein und streckte die Hand aus. Sharda ignorierte grinsend die Geste.

Osmahani wurde bleich und fuhr sich über den kahlrasierten Schädel.

»Du würdest mich vermutlich gern erwürgen oder erdrosseln, Sharda?«, sagte die silberblonde Kommandantin.

Osmahani richtete den Blick zur Decke und strich mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger über seine Hakennase. Er hatte etwas von einem schnellen, scharfsichtigen Sperber an sich und war der ungekrönte Herrscher dieses Randplaneten. Von der Mitte der Stirn bis zum Kinn zog sich eine dünne Narbe; es sah aus, als sei der Kopf gespalten und nicht ganz genau zusammengesetzt worden. Sharda registrierte flüchtig, dass sein Verstand gegen seine Emotionen kämpfte, ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander. »Oder bist du inzwischen zur Einsicht gekommen, Commander?«

»Es wäre vermessen von dir, Freude und Dankbarkeit zu erwarten, Racinah«, knurrte Sharda. Die Ghentilfam blieb ernst und lehnte sich an Osmahanis Schreibtisch.

»Ich kann dich verstehen, auch wenn’s vielleicht überraschend klingt.«

»Wundervoll.« Sharda fischte nach dem Zigarrenpäckchen. »Ich hab tatsächlich das zweifelhafte Vergnügen deines Besuchs?«

»Zweifelhaft – trifft zu«, sagte Racinah Gortammen. »Könntest du dich für ein paar Minuten zusammenreißen und nicht wie ein verrückter Amarooga-Eingeborener benehmen?«

Sharda legte das Feuerzug und die Zigarren auf seinen Oberschenkel, gähnte und verlor sein Grinsen.

»Hört zu, ihr untadeligen Raumfahrer: Ich hab mich vor einem Jahr unqualifiziert und unentschuldbar verhalten, habe alles zugegeben und meine Konsequenzen gezogen. Niemand hat bisher herauszufinden versucht, warum Gardoon Hawkcarn ausgerastet ist und ich mich so und nicht anders verhalten hab. Und jetzt kommst ausgerechnet du, schönste Racinah. Fragst mich, ob ich deinen klugen Reden in freudvoller Zurückhaltung lauschen will. Was, glaubt ihr, werd’ ich tun?«

»Sharda!« Osmahani stand auf. Dass er Sharda duzte, verriet seine Erregung. »Du solltest wirklich zuhören.«

»Ich denk nicht daran. Ich hol mein Zeug aus dem Magazin und reite zurück zu Erissar.«

»Das war’s«, sagte der Stationsleiter und nickte der Kommandantin zu. »Er will uns beleidigen und sich noch mehr schaden. Kosmischer Masochismus. Ein Artist des Selbstmitleids. Ich kenne ein unfaires Mittel, das ihn aufmerksam machen wird. Glaubst du, Ghentilfam, dass wir …«

Racinah Gortammen nickte.

Sharda blickte in steigender Beunruhigung in ihre Gesichter. Etwas warnte ihn. Er sah die kühle Besonnenheit in Racinahs Augen. Über ihr Gesicht schob sich Erregung wie eine hitzige Schablone. Er sah den starren Hochmut des Stationskommandanten und dahinter die Verwunderung darüber, dass er, Sharda, nach einem Jahr noch immer nicht auf die Pfade tätiger Reue und Rehabilitierung zurück gekrochen war.

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