Leseprobe – Zeitsprünge : Karma


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aus „Karma“

 

1.

Der Monsun war gekommen, dieser befreiende Regen, der das ausgetrocknete Land tränkte und die dürstenden Bäume und Sträucher neu ergrünen ließ. Nicht nur die Erde wurde getränkt und von neuer Kraft durchströmt, auch die Seelen der Menschen!
Vorbei waren die Monde der Hitze, des Winds und des Staubs, vorbei war die Qual der Glut, in der noch nicht einmal die Nacht Abkühlung brachte. Nicht mehr das schrille Gezirpe der Grillen war zu hören, sondern das Quaken der Frösche.
Es war dunkel geworden. Wie eine leuchtende Kugel stand der Mond am Himmel und säumte die Ränder der Schäfchenwolken bernsteingelb. Die Luft war mild und frisch, sie roch würzig.
Ich saß auf der Veranda meines Hauses und nahm alles in mich auf, ließ die Augen in die Ferne schweifen, dorthin, wo unter dem Schleier der Nacht meine Felder lagen.
Meine Felder – ich würde bald nichts mehr besitzen, nicht einmal mehr einen Körper. Ich fühlte die finsteren Schwingen des Todes und spürte, wie Körper und Geist an Kraft verloren.
Sanft strich ich über die heilige Schnur. Ein Brahmane hatte sie mir einst feierlich verliehen; sie bedeutete »zweimalgeboren«, geistige Wiedergeburt. Nur die Angehörigen der Varna-Kaste durften sie tragen. Ich gehörte zur dritten Klasse der Zweimalgeborenen, der Komati, also der Kaufleute.
»Lasst mich allein«, bat ich.
Meine vier Söhne erhoben sich und verschwanden lautlos im Haus. Angesichts meines nahenden Endes wollte ich eins sein mit den Göttern und der Natur. Meine Hände zitterten, als ich ein Blatt
aus meinem Gewand zog. Es enthielt Oden an die Göttin, verfasst von dem Dichter Râmprasâd Sen. Ich kannte sie auswendig.

Denk, o meine Seele, dass du niemanden hast, der dich sein eigen nennt. Eitel ist dein unstetes Leben auf Erden. Zwei oder drei Tage wähn es, dann endet es, und doch rühmen die Menschen sich, hier die Herren zu sein. Aber der Herr der Zeit, der Tod, wird kommen und ihre Herrschaft stürzen. Wird dann deine Geliebte, um die du dich so sehr sorgst, auch mit dir gehen? Nein; auf dass das Unglück nicht an ihre Tür klopft, wird sie Kuhmist in dem Haus ausbreiten, in dem du gestorben bist.

Nein, meine Gefährtin würde nicht mit mir gehen, denn sie war achtzehn Jahre jünger als ich – zu jung, um in die Arme des allmächtigen Todes zu sinken. Sie würde Kuhmist ausbreiten, was der religiösen Reinigung diente, und fortan ein Leben als Witwe führen, denn anders als in den niedrigen Kasten gab es für Angehörige der Varna keine Scheidung und keine Wiederheirat der Witwen.
Seele, warum bist du zur Bettlerin geworden? Dreifach Elende, Unwissende? Auf der Jagd nach vergänglichem Reichtum bist du von Land zu Land geirrt. Siehst du denn nicht, dass das, was du begehrst, was du liebst, bei dir ist? Seele, wenn du dich als Geist befreist, wirst du zur Vereinigung gelangen. Wenn dir die Anbetung leicht und natürlich wie das Atmen wird, hat das Gift des Todes keine Macht mehr über dich. Die Kleinodien und Schätze, die dir deine Lehrmeister gegeben, halte sie fest bei dir. Das ist die Bitte des armen Râmprasâd, der hofft, die Füße zu berühren, die die Angst bannen.
Ein Hauch von Ewigkeit streifte mich. Welch tiefes mystisches Empfinden sprach aus diesen Worten, welcher Glaube, welche Kraft. Ich lauschte in mich hinein. Fühlte ich auch so? Nein, da war
kein Friede in mir, kein Licht, nur Dunkelheit, in der ein winziges Etwas mit Namen »Angst« lauerte. Was würde nach meinem Tod aus meinem Besitz werden, aus meinen Söhnen, aus meiner Gefährtin?
Was wurde aus mir?
Ich war ein Wiedergeborener; gab es für mich eine Reinkarnation auf einer höheren Stufe?
Ich irre nicht mehr und lebe nicht mehr im Irrtum. Alles habe ich niedergelegt auf die Füße, die die Angst bannen, und ich zittre nie mehr vor Angst. Von den weltlichen Leidenschaften, die mich beherrschten, befreit, tauche ich nicht mehr ein in den Brunnen des Giftes. Gleich gilt mir Freude und Leid, kein Feuer erhitzt mehr meinen Geist. Nicht länger begierdetrunken nach den Schätzen
dieser Welt, irre ich nicht mehr von Tür zu Tür. Ich klammere mich nicht länger an den Wind der Hoffnung und entblöße nicht mehr meinen Geist vor den anderen. Da ich nun nicht mehr der Gefangene der Fallstricke der Sinne bin, werde ich mich nicht mehr unter dem Baum der Liebe wiegen.
Der Dichter hatte es geschafft, die Askese zu erreichen, ich hatte nie danach getrachtet, es nie versucht. Askese – das war fades Essen und einfaches Wasser, wo es doch Leckereien und Wein gab; Askese – das war ein schmales, hartes Lager, wo es doch weiche Betten gab, die man mit einer sinnlichen Schönheit teilte; Askese – das war kasteiende Meditation, wo es doch die Erfüllung
in der Vereinigung von Mann und Frau gab.
Wonnetrunken und begierig hatte ich gelebt, der Erfüllung des Fleisches und der Lust. Angesichts des Todes stand ich nun mit leeren Händen da.
Nach Râmânuja führten drei Wege zur Befreiung: gute Werke, Erkenntnis und sinnenhafte Vergegenwärtigung des Göttlichen. Nicht einen dieser Pfade hatte ich eingeschlagen; stets war ich darauf bedacht gewesen, meinen Besitz zu mehren, Reichtum anzuhäufen; Wollust und sinnliche Freuden hatten meine Tage ausgefüllt.
Nicht, dass ich an der Dreiheit Brahma, Vishnu und Shiva gezweifelt hätte, aber ich wandelte nicht auf ihren Spuren.
Nicht Religion, Befreiung und Askese waren der Mittelpunkt meines Sinnens und Trachtens gewesen, sondern das diesseitige Leben hatte mich geblendet. Nun, wo mein Ende bevorstand, wurde es mir deutlicher denn je.
Hatte ich gute Werke getan? Gewiss, ich hatte der Dorfgöttin geopfert, dem Shiva-Tempel und während des Sankrati nach der Ernte, hatte mich an den Prozessionen für Gairamma beteiligt, dem Erntedankfest zu Ehren von Shivas Gemahlin Gauri, auch die Brahmanen nicht zu kurz kommen lassen – aber war das genug für mein Seelenheil?
Was hatte ich für meine Dienste getan, was für die Schudra und Haridschan? Sie waren Dienstleistende und bearbeiteten mein Land, wofür sie täglich Mahlzeiten, Zigarren, Kleidung und einen jährlichen Getreideanteil erhielten. Hatte ich sie wirklich gut bezahlt?
Was war mit dem Kamsali, dem Dorfschmied? Hatte er wirklich den Lohn erhalten, den seine Arbeit wert war? Hielt ich die Wäscherfamilie der Tsakali-Kaste nicht zu kurz? Hatte ich den Mangali,
den Dorfbarbier, zu gering entlohnt? War es dem Dschangam, dem Dorfschneider, überhaupt möglich, mein Gewand so billig zu fertigen, wie ich es ihm eingeredet hatte? Konnte die Familie eines
Mala, eines Landarbeiters, der zur Kaste der Haridschan, der Unberührten gehörte, überhaupt von dem satt werden, was ich ihr zukommen ließ? Tiefe Zweifel erfüllten mich auf einmal. Wie hieß
es doch in den Schriften?
Der nicht befreite Mensch ist dem allgemeinen Schicksal unterworfen.
Durch seine Taten, die sich ihm an die Fersen heftenwie das Kalb an die Kuh, ist er zur Wiedergeburt verdammt. Und  da die meisten menschlichen Handlungen von Bosheit durchdrungen sind, läuft er Gefahr, in einer niedrigen Seinsform als schwaches Tier wiedergeboren zu werden.
Dieser Gedanke war mir unerträglich. Ich rief meine Söhne.
Lautlos wie nächtliche Schatten tauchten sie auf und versammelten sich neben meinem Stuhl.

 

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