Leseprobe – Die Spur des Widders


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PROLOG

Winterdonner

Der Himmel hing grau und tief an diesem Mittag. Auf dem breiten Pfad mahlten die Felgen einiger Wagen, die von der Stadt kamen. Es war eisig kalt: Der Atem aus Nüstern und Mäulern der Pferde und Maultiere dampfte weiß, die Wölkchen vor den Gesichtern gefroren an den Pelzrändern der Kapuzen. Es herrschte nahezu Windstille, nur hin und wieder kam eine Brise aus Nord oder Ost bis zum Waldrand; einmal führte sie den Geruch des Meerwassers mit sich, dann wieder den des Phasisflusses. Als das Rad des dritten Wagens über die Steine sprang, stieß der Geschundene, der darin auf einer blutigen Ochsenhaut lag, ein röchelndes Wimmern aus. Sein Kopf und der dreimal gebrochene Arm schlugen an den Wagenkasten.

In einem weiten Dreiviertelkreis, wie eine Mondsichel, stand der Wald aus Schwarztannen, Eichen und, unten am Fluss, kahlen Weiden. Krächzende Rabenvögel flatterten auf, als der Zug in den Wald einfuhr.

»Der Schwarze Gott«, knurrte der König und ruckte an den Zügeln, »muss das Opfer annehmen. Er wird uns Zeichen geben, gute Vorzeichen!«

Niemand antwortete. Die graue Helligkeit schwand, als der erste Wagen mit dem goldenen Widdergehörn an der Standartenstange zwischen den schwarzbemoosten Stämmen verschwand. Der Waldboden, auf dem Schneereste lagen, schluckte alle Geräusche. Der Pfad wand sich nach der Gabelung zum Phasis geradeaus zur Quelle; das Gespann fuhr auf den Nebel zu, der durch die reglosen Stämme kroch. In unterschiedlicher Höhe hingen Widderköpfe mit weißem Gehörn und goldenen Augäpfeln von den Ästen; auch sie bewegten sich kaum. Es waren Tausende, deren Augen aus Baumkronen, aus blattlosen Büschen heraus und von geschälten Pfählen herunter auf die Herankommenden glotzten; nachts verwandelten sich die schneeweißen Knochenschädel in das drohende Abbild eines vieläugigen Ungeheuers.

»Da, Vater!« Der junge Mann an der Seite des Königs streckte den Arm aus. »Die heiße Quelle. Sie schüttet noch immer.«

»Sie ist noch nie versiegt, seit dein Großvater den Thron bestiegen hat.«

Reglosigkeit, schwarze, herzbeklemmende Stille bis auf das fahle Rauschen in den Wipfeln: Die Rabenvögel schwiegen. Es wurde dunkler; im Osten erhob sich eine Wolke über das Meer. Dann klirrten leise die Eisenwaffen der Krieger. Die Ohren der Zugtiere spielten aufgeregt, die Schweife peitschten durch die Luft. Mächtige Äste schlossen sich über dem Pfad, die Bäume berührten einander und bildeten einen dunklen Gang, der sich wand wie eine träge Schlange und auf eine karge Lichtung führte. Hier standen zwei mächtige Eichen und uralte Tannen, deren Zweige den Opferaltar, die Steinsäulen, das Bohlendach und die Bretterwand überschatteten. Die Tiere blieben stehen und bissen auf die Trensen; pfeifende Hiebe mit der Peitsche trieben sie weiter, bis der erste Wagen inmitten einer hüfthohen Schicht aus Dampf und Nebel stehenblieb. Schwarze Schlangen, länger als sechs Ellen, hoben die Köpfe. Die Tiere des Kriegsgottes ringelten sich am Rand des Quelltümpels; alle anderen Nattern waren im Winterschlaf erstarrt. Der König und sein Sohn stiegen vom ersten Wagen und halfen den jungen Frauen herunter; die Schwarzhaarige trug die salben triefende Stirnbinde der Priesterin. Nebeneinander, schweigend, gingen sie zum Altar.

Das goldene Fell, wie ein großer, ausgefranster Mantel, hing unter dem Schädel, der so mächtig war wie der eines Stierkalbes. Das vergoldete Doppelgehörn ringelte sich über dem Holz und lief in schwarze Spitzen aus. Auf dem rechten Hörn saß ein schwarzer Vogel, der davonflatterte, als die Gespanne näherknarrten. Stumpf glommen die Goldnägel, die das Fell auf dem Holz spreizten. Die Augen waren aus drei verschiedenen Metallen gefertigt, riesengroß und stierten jeden Ankömmling an, als lebe der große Widder. Der grauhaarige Mann mit dem goldenen Stirnreif blickte hinauf und verneigte sich tief.

»Alles ist bereit.« Der König wies auf trockenes Moos, Holzsplitter, dürres Rohr und schenkeldicke Kloben, die um den Altarsockel aufgeschichtet waren. »Bringt den fremden Späher!«

Bewaffnete sprangen von den Wagen. Fünf Gespanne hielten im Viertelkreis vor dem schwarzen Steinblock. Die Palastkrieger bildeten einen Halbkreis. Opferknechte hoben die blutige, hartgefrorene Ochsenhaut und schleppten sie näher. Der Mann, der vom Hals abwärts bis zum Gemächt gehäutet war, an Brust und Bauch ebenso wie auf dem Rücken, ächzte leise; die Laute aus seiner Kehle hatten nichts Menschliches. Sein Gesicht war fast unversehrt; es zeigte den Ausdruck von Leid und Schmerzen, die das Vorstellbare überstiegen.

Die junge Schwarzhaarige streifte die Kapuze ab und sah zu, wie der Körper auf den Opferstein gelegt wurde. Der Ausdruck ihres schmalen Gesichts war undeutbar. Einige Atemzüge lang schloss sie die Augen, dann hob sie eine reichverzierte Truhe aus dem Wagen. An der Glut, die in einem durchlöcherten Tonkrug mitgeführt worden war, entzündete ein Diener einen Span, an diesem eine öltropfende Fackel, und mit der Fackelflamme brannte er die Späne an der linken unteren Ecke des Steinblocks an. Der Körper, der auf dem kalten Stein zitterte, gab misstönende Laute von sich; ein Arm fiel schlenkernd herab. Gestocktes Blut tropfte von den Fingerspitzen. Wieder schrien die Raben. Von fern ertönte ein dumpfes Poltern, als bräche ein Berggipfel auseinander. Der König sagte:

»Priesterin. Bring ihn dazu, dass er hört, was ich sage – und dass er spricht.«

Die Schwarzhaarige träufelte rote, gelbe und giftig grüne Flüssigkeit in eine goldene Schale, goss etwas klares Wasser nach und verrührte das Gemisch mit einem Elfenbeinstäbchen. Sie ging, vom Nebel bis zu den Schenkeln eingehüllt, zum Altar, wich dem Rauch und den züngelnden Flammen aus und ließ vom Rand der Schale Tropfen um Tropfen ins Gesicht des Opfers fallen. Der Geschundene schrie, drehte den Kopf weg und machte abwehrende Bewegungen mit den Händen, deren Haut verrußt war. Der König stellte sich vor den Kopf des Opfers. »Hörst du mich, Fremder?«

Zwischen den verschorften Lippen drang ein Laut hervor, der »Ja« bedeuten konnte.

»Siehst du mich, Fremder? Siehst du schon den Eingang zur Unterwelt?«

»Ja. Sei verflucht, König.«

Vor drei Monden hatten umherstreifende Krieger den Fremden am Flussufer aufgegriffen. Er wehrte sich nicht und sagte, er sei ein heimatloser Wanderer, der Arbeit und vielleicht ein Stück Land suche; der König und sein Sohn glaubten ihm kein Wort und waren sicher, einen Späher ergriffen zu haben – er redete sogar in der Sprache der Kolcher. Sie begannen ihn zu foltern, aber er hatte bis zur letzten Nacht nichts anderes gesagt, geröchelt, gelallt oder gestöhnt.

Der König hob die Hand; gleichzeitig kam aus dem Wald ein seltsames Geräusch, und das Donnern aus der Ferne wurde lauter. »Hörst du, Fremder? Bald wird dein Schatten umherstreifen. Sag allen, die du in der Unterwelt triffst …«

»Mach ein Ende, du Abschaum.« Plötzlich wurden die Worte des Sterbenden deutlicher. »Du bringst einen Unschuldigen um.«

Seine Schienbeine, die Knochen der Arme und etliche Rippen waren gebrochen worden; die übriggebliebene Haut zeigte tiefe, kohlenartig erhärtete Brandmale. Zwischen gesplitterten Zähnen und zerschnittenen Lippen, die wieder zu bluten begonnen hatten, sagte er unter der Wirkung der zauberischen Tropfen:

»Einen Unschuldigen, König. Irgendwann wird ein anderer kommen, ein Mächtiger mit geschliffenen Schwertern, der dir mehr Leid antun wird… als deine Schinderknechte sich vorstellen. Warte. Der Tag wird kommen …«

»Dein Schatten wird auch am Tag wandeln, Namenloser.« Der König winkte nach hinten. Die Bewaffneten traten einige Schritte vor und verengten den Halbkreis, die Flammen erfassten die dünnen Äste, der Rauch wurde schwarz. »Dies sage ich zu dir: Jeder Mann, der sich unserem Heiligtum nähert, stirbt so wie du.«

»Nicht einmal ich möchte so sterben wie du dereinst, König. Und nicht das Leid ertragen, das dich trifft. Und nicht die vielfache Verfluchung durch deine Götter. Mach ein Ende, Kreatur des Chaos.«

»Dein Ende, Fremder.«

»Darum bitte ich. Falls du ein Herz hast …«

Der König winkte der jungen Frau. Im Flackerlicht der hochlodernden Flammen sah man die breite rote Strähne in ihrem schulterlangen Haar; sie schien aufzuglühen wie schieres Orichalkos. Die Schwarzhaarige öffnete ein Krüglein, kleiner als eine Handspanne, und träufelte sieben Tropfen ins Gesicht des rauchumhüllten Sterbenden. Eine seltsame Bewegung ging durch den Körper; er streckte sich, als sei er in einem warmen, duftenden Bad. Seine Stimme wurde zu einem undeutlichen Murmeln:

»Dank, schöne Zauberin.« Er versuchte sie anzusehen, blinzelte, zwang seinen Blick in ihre grünen Augen, holte röchelnd Luft und sprach leise weiter: »Ich wollte … wirklich nur Arbeit … vielleicht ein Stück Erde … eine Frau, bei euch bleiben … nun denn – Friede mit mir. Verflucht seid ihr alle … wartet: Das Schicksal ist hart… böse … aber gerecht. O ihr Götter. Es tut gar ni…«

Er starb mit hektischem Zittern. Der knatternde Blitz und der Donner übertönten seine letzten Worte. Die Priesterin schloss die Truhe und trug sie zurück. Ihre langen Beine waren über den weißen Fellen mit gekreuzten Lederriemen umwickelt; sie ging, als sei sie die Königin. Die Opferknechte schoben mit den eisernen Lanzenspitzen das Holz von allen Seiten am Altarsockel zusammen. Die Flammen glitten senkrecht an den Steinflächen hinauf, trafen sich über dem Körper des Toten und wuchsen; wieder erschütterten Donnerschläge die Luft und den Boden. Der Widerschein der Blitze über dem Meer flackerte zwischen den schwarzen Stämmen, das Rabengeschrei ging im Krachen unter.

Der König hob beide Arme. Finger und Handgelenke waren von goldenen Ringen und Reifen übersät. Er schrie: »So endet jeder, der unser Heiligtum stehlen will, das Zeichen von Recht, Macht und Wohlstand. Gießt Öl in die Flammen. Betet! Spürt die Gegenwart des Dunklen Gottes. Hört den Donner!«

Er hob den Kopf und erstarrte in der Bewegung. Schmorende Fetttropfen sickerten über die Flanken des Altars und zischten auf qualmend. Das Gehörn, der weiße Schädel und das große Fell des Widders glänzten und blitzten im Widerschein der Flammen, ebenso wie die handtellergroßen Goldnägel, mit denen das Vlies an die altersgrauen Bretter geheftet war. Der Nebel der heißen Quelle, der Rauch und die vielfältigen Missgerüche vermischten sich zu betäubenden Wolken; wieder mussten die Bewaffneten die Maultiere und Pferde bändigen. Der nächste Blitz, der unweit des Heiligtums einschlug, spaltete einen Tannenstamm und fuhr in die Erde, die zu zittern schien. Ein Mann schrie und fiel, mit den Armen wild rudernd, zu Boden. Der hallende Donner machte alle Versammelten taub, ließ die Zugtiere scheuen: Ein harter, eisiger Wind fuhr, riesige Schneeflocken mit sich schleppend, durch das Gatter der Stämme.

»Zurück zum Palast!« Der König brüllte, deutete auf die Gespanne und sah zu, wie die Flammen den Körper aufzuzehren begannen. »Ihr hört es! Wir sehen es! Der Gott hat das Opfer angenommen!«

Der ausgestreckte Leichnam zuckte, bäumte sich auf, bewegte sich, als wolle er vom Altar gleiten; die Widderschädel, die Knochenköpfe goldäugiger Bären, Wölfe, Füchse und Wildschweine im Geäst hoben und senkten sich, pendelten hin und her, drehten sich und schienen die Schlangen beißen zu wollen, die im Nebeldampf umherkrochen und zischten. Das Schneegestöber wurde dichter, der Sturm vom Meer heulte und gurgelte zwischen den Ästen und Kronen, und unablässig prallte das Krachen des Donners auf die Opfernden, die in die Wagen stiegen. Die Gespanne wendeten im weißen Wirbel. Der König, Zügel und Peitsche in den Händen, drehte sich halb herum und richtete seinen Blick auf das Widderfell, dessen goldene Locken sich im Blitzschein verkehrt herum zu kräuseln schienen; er peitschte die Pferde und hetzte sie über den Pfad. Die ehernen Felgen schnitten eine zweite Spur in den nadelbedeckten und laubübersäten Boden.

Fast eine Stunde lang dauerte die Fahrt vom Heiligtum zum Palast. Die Tiere dampften und zitterten erschöpft, als sie die Wagen nach rechts und links zogen, zum Palast und zum Haus der Frauen. Zwischen den langen, spiraligen Wirbeln der Flocken tauchten Teile der Landschaft auf; grau, nass und trostlos: windgepeitschte Bäume und das fahle Widerlicht der vielverzweigten Blitze.

Der Schwarze Gott zeigte, dass er das Opfer angenommen hatte. Nur das Gesicht der jungen Schwarzhaarigen mit der roten Strähne trug einen nachdenklichen Ausdruck, als sie mit der kleinen Truhe in den Schutz des Vordaches floh.

 

 

ERSTES BUCH

Die Argonauten

1. Die Grotte der Kentauren

 

Orpheus hatte noch nicht geschlafen; er hörte die leisen Echos der Huftritte. Durch den kühlen weißen Sand der Grotte näherte sich Beldana mit behutsamen Schritten; jetzt bewegte sich ihr Schatten an der Wand und der Decke der Grotte. Die Nacht war erfüllt von Grillengezirp und dem leisen Plätschern der Wellen. Langsam drehte sich Orpheus herum und sah Beldanas zierlichen Körper im Schein des Öllichts.

»Es ist späte Ebbe«, sagte er leise. »Die Zeit der Nacht, in der niemand träumen kann.«

»Bis auf Cheiron. Er schläft jetzt. Ob er träumt – wer weiß?«

Orpheus stand von seinem Lager aus frischem Heu, Schaffellen und einem Laken auf. Ein Windstoß vom Meer kam durch den Eingang, ließ das Flämmchen zucken und taumeln und warf auch seinen Schatten an den Fels, der aus kreidigem Gestein und Nischen bestand, von Wellen und Brandung der Vergangenheit glattgewaschen.

»Ob er träumt, was Iason unruhig gemacht und fortgetrieben hat?« Orpheus, der beste Sänger des Landes zur Kithara, war, wenn er stand, wenige Fingerbreit kleiner als die Kentaurin. Sie kreuzte die Arme vor der Brust und hob die Schultern. »Nach fast zwanzig Jahren, in denen er von Cheiron gelernt hat?«

»Weißt du’s?«

»Ich weiß es. Aber vielleicht glaube ich es auch nur zu wissen.« Orpheus hob eine Leier vom Astende; an dem entrindeten Baum, der im Höhlensand zu wurzeln schien, hingen sein Mantel, die runde Filzmütze und das Schwertgehänge neben dem Schild. Beldana und er gingen zwei Dutzend Schritte aus der Höhlenmündung hinaus, damit ihre Stimmen und deren Widerklang den weißhaarigen Kentauren nicht weckten. Orpheus spürte kalten, nassen Sand zwischen den Zehen.

»Haben es dir wieder die Tümmler erzählt?«

»Die Delphinoi spielen und jagen jetzt nicht in unserer Bucht, nicht vor Magnesias Küste.« Orpheus schüttelte den Kopf und lachte. Seine Fingerkuppen streiften die Saiten; ein leiser Akkord aus sieben Tönen und einem weichen Brummen verhallte. »Vielleicht hab’ ich es in den Sternen gesehen? Nein, Beldana: Es ist eine alte Geschichte, fast schon eine Legende, in jedem Fall ein Märchen, aus Wahrheit, Erfindung und Phantasie gewoben wie ein kretischer Teppich. Keine erbauliche Erzählung, Schönste.«

»Ich kenne sie nicht.« Beldana teilte ihr nachtschwarzes Haar mit beiden Händen und schob es über die Schultern. Orpheus betrachtete ihre prallen, großen Brüste und beneidete den Schlafenden. »Auch ich finde keinen Traum, der mir in den Schlaf hilft – erzähl’s mir, Orpheus.«

»Alle Geschehnisse sind voll von Zeus, Beldana. Ich weiß nicht, warum Gott Hermes einst der Königin Nephele jenen Widder geschenkt hat, aber… ich erzähl’ besser vom Anfang an. Höre: Ein Enkel des Minyas und Sohn von König Athamas, der schöne junge Prinz Phrixos, musste viel Arges von seiner Stiefmutter erdulden. Nun ja – Stiefmütter und Schwiegermütter; vergeblich sucht man bei ihnen Klugheit und Schönheit. Überdies verliebte sich Biadike, die Frau des Oheims, in Phrixos. Er verschmähte ihre leidenschaftlichen Angebote, und also klagte sie ihn an, er habe sie vergewaltigt.« Orpheus lachte. Wieder schien es, als fange sich der Nachtwind in den Saiten und wirble deren Klang über den Strand. »Schließlich sollte er, weil man Biadike mehr glaubte als ihm, deswegen zu Orchomenos geopfert werden; eine Stadt im Nordosten Arkadiens, nahe Boiotien. Der junge Herakles verhinderte das Opfer. Dies war zu der Zeit, als das erste Bronzene Geschlecht die Erde beherrschte. Phrixos’ leibliche Mutter Nephele und seine Schwester Helle retteten ihn von der Opferstelle, und Nephele setzte die Geschwister auf den Rücken des geflügelten Widders. Sie hielten sich am geschwungenen Gehörn fest; das Tier des Hermes flog mit ihnen davon, mit Zephyros im Rücken.«

»Bronzenes Geschlecht?« Beldana hob die Hände. »Gab es – oder gibt es – Menschen aus Bronze?«

»Hat dir Cheiron nichts erzählt über die fünf Zeitalter der Sterblichen?« Orpheus bemühte sich, auf ihre Frage zur Geschichte der Welt in wenigen Worten zu antworten; er erwähnte die Goldene Rasse, die von Prometheus erschaffen oder aus dem Boden Attikas gewachsen war und sich von Eicheln und Wildfrüchten, Honig, Schafs- und Ziegenmilch ernährte; die Silbernen – die nur Brot aßen – und die Bronzenen Geschlechter, die einander folgten, Brot und Fleisch aßen, den Kampf liebten und die der Schwarze Tod hinwegraffte. »Sie wurden vom nächsten Geschlecht der Bronzenen abgelöst, zu dem Thalos Karpathos von Kreta zählte. Nun begann die eherne Rasse die Welt zu bevölkern; so war es seit Ende des Chaos und dem Beginn der Herrschaft des Göttervaters Zeus.«

Der Eingang der Grotte verbarg sich halb zwischen dem Geäst alter Bäume, der Hang fiel zum Wasser hin ab, und der sichelförmige Strand der Bucht lag ebbetrocken. Die Luft roch nach Wacholder und der ersten Myrthenblüte. Im Mondlicht bildeten die Fußspur des Sängers und die scharfen Hufeindrücke der schneeweißen Kentaurin eine seltsame Doppelreihe.

Beldana wiederholte die Frage. »Flog durch die Luft und – wohin?« Sie versuchte, ihr Haar zusammenzuraffen.

Orpheus sprach weiter. »Nach Sonnenaufgang. Dem Mädchen schwindelte nach einiger Zeit; es war ein zu langer, zu weiter Flug. Helle verlor den Halt, fiel aus den Wolken wie einst Ikarus und starb im Meer, in der Meerenge, die von ihr den Namen erhielt, im Hellespontos. Aber Phrixos erreichte das Ziel des Widders, das Land Kolchis. Ein König nahm ihn gastfreundlich auf. Aber – war es das Ziel? Oder war das Tier nur erschöpft und wollte ausruhen? Man erzählt, das Fell des Widders sei golden gewesen, funkelnd und weich.«

Beldana hielt an und blickte in Orpheus’ Gesicht. »Ich kenne dich gut genug, thrakischer Dichter: Das ist nur ein Teil der Erzählung. «

»Die Wurzel des Baumes jener Geschichte.« Seine Fingerspitzen berührten, flatternd wie ein winziger Vogel, die Saiten; wieder zitterte eine verhallende Folge leichter Töne über den Strand. Beldana legte lächelnd die Hand an ihr Ohr. Ein Strahl Mondlicht fing sich im Goldschmuck des Handgelenks. Orpheus sagte:

»Später nahm Phrixos die schöne Chalkiope, eine Tochter des Kolcherkönigs Aietes, zur Frau. Er opferte den lebensrettenden Widder, nachdem dieser unzählige kolchische Schafe besprungen hatte, dem Göttervater, denn Zeus hielt seine Hände einst über die Flüchtenden. Das Vlies schenkte Phrixos dem König Aietes, also seinem Schwiegervater; dieser weihte es dem Ares, dem Kriegsgott auch der Kolcher, und nun hängt das sorgfältig gegerbte Fell im dunklen Hain des Ares, mit goldenen Nägeln befestigt. Phrixos ist längst gestorben.«

»Und deswegen verließ uns Iason vor zwei Monden?«

»Ach.« Orpheus seufzte. »In vielen Teilen der Welt hörte man vom Goldenen Vlies. Es ist ein großer Schatz, und jeder Held im ganzen Land träumt von der Herausforderung, das Fell zu erbeuten und durch Abenteuer in der Fremde seinen Namen unsterblich zu machen. Auch Iason weiß davon, so wie ich und andere. Aber uns sagte er, warum er wirklich ging.«

»Um sein Königreich drüben in Thessalien von Pelias einzufordern.«

»So ist es. Überdies weiß niemand genau, wo Kolchis liegt; jenseits von Ilion jedenfalls, weit im Osten, an den Küsten des geronnenen Meeres. Der Widder ist, wie der minoische Stier oder die Rosse des Sonnenwagens, ein Symbol. Die Kunde von einem schier unerreichbaren Ziel, eine Legende, die Menschen ungeduldig und gierig macht. So wie besseres Erz die Bronze ersetzt, so wie die Söhne dem Vater folgen, zieht das Goldene Vlies die Wünsche, Gedanken und Begehrlichkeiten an.«

Sie hatten das Ende des Strandes erreicht. Mondlicht lag als breite, unruhige Gasse auf den Wellen und auf dem weißen Fell der Kentaurin. Das Meer hob sich der Morgendämmerung entgegen; die Flut kam. Orpheus legte die rechte Hand auf Beldanas Rücken. Sie erschauerte und bewegte den Schweif. Orpheus sagte:

»Nun kommen die Träume zur Legende: Selbst Delphine oder Tümmler wissen, dass der Mensch sich rüstet, mit List oder Waffen, oder mit beidem, und mit Gewalt, die Träume zu zerstören. Das ist es, was ich befürchte: Ein Held zieht aus, um das Widderfell zu stehlen, und dies wird das Ende einer märchenhaften Wahrheit werden.«

Beldana nickte und spielte mit der Goldkette, die über dem Ansatz ihrer Hüften lag, dort, wo ihr Körper in den der Stute überging. Ihr silbergrauer Schweif fegte Sandkörnchen auf, als sie sich halb aufbäumte. »Du meinst, Iason hat damit etwas zu tun?«

»Ich weiß es noch nicht.« Orpheus riss drei harte Akkorde. »Aber ich kenne wie kaum ein zweiter die Mythen und Legenden, die Erzählungen und Hinzufügungen zu Märchen, ich weiß, wo sie mit dem Schicksal von uns Menschen verknüpft sind.«

»Auch mit denen des zweiten Bronzenen Geschlechts, die sagen, sie seien Kinder von Göttern oder Göttinnen und Sterblichen?«

Sie hatten die halbe Höhe des ansteigenden Strandes erreicht. Ein Stern im Bild des Himmelsjägers Orion blinkte, ein Sternsplitter riss eine nadelfeine Lichtlinie in die warme Nacht.

»Auch mit denen«, sagte Orpheus. »Es ist das Schicksal der Menschen, aus Blüten Flüche und aus Liedern Schmerzensschreie zu machen. Was in Schönheit und unschuldiger Freude begann, endet in Chaos, Blut und Tränen.«

Schweigend legten sie die wenigen Schritte zum Grotteneingang zurück. Beldana berührte Orpheus am Arm und trabte leise in den Hintergrund der riesigen Höhle, vorbei an den ledernen Trennwänden. Orpheus setzte sich, die Kithara im Arm, und lehnte sich an die Höhlenwand. Das Flämmchen im summenden Fett flackerte, als Beldana mit dem Wein zurückkam und sich in den Sand lagerte. Orpheus strich einige Akkorde, holte Luft und begann leise zu singen.

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