Samstag, 19. April: Grillwurst verführt, und auch ein Kleid ist heiß
Pünktlich zum Osterfeuer lässt der Regen nach. Paul Harms sitzt auf einem der grauen Geflechtstühle vor dem Kirchencafé ›Segensreich‹ und verfolgt das Spektakel aus der Ferne.
Mit so vielen Neugierigen hat er nicht gerechnet. Die Menschen drängen sich um den Stapel aus morschen Ästen und abgestorbenen Thujasträuchern, die der letzte Frühlingssturm abgeknickt hat. Thuja, der Lebensbaum, auf jedem Friedhof das Sinnbild für die Sehnsucht nach ewigem Leben, soll jetzt brennen. Zur Auferstehungsfeier. Irgendwie passend, findet Harms. Zwei Tage lang hat er als Friedhofsgärtner mit seinem Team das Holz zusammengesucht und auf dem frischen Grün vor der Kirche zu einer Pyramide aufgetürmt.
Natürlich nach Feierabend. Dann kam am Karfreitag der Regen und hat alles durchnässt und aufgeweicht. Bleibt abzuwarten, ob der Stapel überhaupt brennt. Aber das soll nicht seine Sorge sein. Harms schließt den Reißverschluss der blauen Strickfleecejacke, denn warm ist es nicht an diesem Abend. Den Gedanken an eine heiße Bratwurst lässt er schnell wieder fallen, weil die Schlange vor dem Grillzelt anwächst. Direkt vor dem Eingang zur schlichten Backsteinkirche aus den 1950er-Jahren brutzeln die Würstchen, während vor dem modernen Glaskasten des Kirchencafés Bier, Rotwein und Apfelsaft ausgeschenkt wird. Eine Frau mit rosafarbener Pudelmütze und dicker Steppweste fällt ihm auf, ebenso ein tätowierter Typ im offenen Hemd, ein Junge im Friesennerz mit Rucksack. Dazwischen leuchten die Neonstreifen schwarzer Feuerwehrmonturen. Für Sicherheit ist gesorgt an diesem Osterfeuer.
Auch das professionelle Brandstiften überlässt die Kirche den Experten. Harms beobachtet fasziniert, wie Katharina Roczniok von der Freiwilligen Feuerwehr den nassen Holzstapel so lange von allen Seiten anzündet, bis endlich weißer Rauch aufsteigt. Wie bei der Papstwahl. Es knistert und knackt, und schließlich lodern erste Flammen an der Spitze der Pyramide. Die Menschen weichen zurück, denn der auffrischende Wind fegt ihnen dichten Rauch und Funken ins Gesicht. Wer die falsche Seite des Osterfeuers gewählt hat, ergreift hustend die Flucht.
Harms betrachtet das alles mit einer Neugier, die ihm selbst peinlich ist. Eine Neugier, die aus seiner Zeit als Kriminalhauptkommissar stammt. Beobachten, registrieren, abspeichern.
Auf jede Bewegung, jede Regung, jedes Wort der Menschen achten. Ermittlungsarbeit, wie sie im digitalen Polizeialltag eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist. Auch das war ein Grund, den Dienst zu quittieren. Ganz abgesehen von den Qualen, die er durch seine besondere Gabe bei jedem Fall durchleiden musste. »Spökenkieker« nannten ihn die Kollegen in der Mordkommission. Spökenkieker. Geisterseher. Hellseher. Wenn er …
»Willst du ein Bier?« Harms reißt die Augen auf. Vor ihm steht Heike von der Friedhofsverwaltung und schwenkt zwei volle Flaschen. »Habe ich mit Beziehungen besorgt. Die Schlange vorm Getränkestand ist mir zu lang.«
Sie reicht ihm eine Flasche alkoholfreies Helles und lässt sich ächzend in den nächsten Stuhl fallen. Der knarzt verdächtig unter ihrem Gewicht. Heike ähnelt in gewisser Weise dem Mops Theo, der stets unter ihrem Schreibtisch im Büro hechelt. Eine platte Nase, große hervorstehende Augen, kurze graue Haare. Harms mag beide.
»Prost!« Sie grinst. »Aufs gelungene Osterfeuer!«
Der ehemalige Kriminalhauptkommissar ist froh, dass ihn Heike aus seinen Gedanken reißt. Die Zeit bei der Polizei ist endgültig vorbei. Jetzt zählt nur sein früher erlernter Job als Friedhofsgärtner.
»Aufs Osterfeuer!« Sie stoßen klirrend mit den Flaschen an, und Harms nimmt vorsichtig einen kleinen Schluck. Das Bier ist lauwarm. Egal. Vermutlich hat sie es aus den Kisten im Lager des ›Segensreich‹ geholt.
»Ziemlich voll dieses Jahr, oder?«, fragt Heike und deutet auf die Menschenmassen rund um die hoch auflodernden Flammen. »Zum Glück nicht die Leute selbst.«
»Kein Wunder. Ehe man hier an ein Bier kommt, glimmt nur noch die Holzkohle.«
Katharina, die eben fachkundig das Osterfeuer in Brand gesetzt hat, winkt den beiden von Weitem zu und reiht sich dann in die Schlange vor dem Grillzelt ein. Ihre langen grauen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Harms fällt ein, dass er am Grab ihres Mannes eine neue Hecke pflanzen muss. Gleich am nächsten Dienstag.
»Hat sie gut gemacht, die Katharina. Ich hätte nicht gedacht, dass das Feuer überhaupt brennt nach so viel Regen gestern.« Heike signalisiert der Freundin ihr Lob mit erhobenem Daumen.
»Den Regen brauchte mein Friedhof dringend. Außerdem hätte der Funkenflug bei so viel Trockenheit gefährlich werden können. Wir wollen doch unsere schöne Kirche behalten.«
»Okay. Auf den Regen!« Heike nimmt den nächsten Schluck aus der Flasche. »Und auf die Feuerwehr.«
Harms verfolgt kopfschüttelnd, wie die Schlangen vor den Grill- und Getränkeständen anwachsen. Erst muss man an einem Extratisch bezahlen, dann bekommt man einen Pappteller als Gutschein in die Hand gedrückt und muss sich in die nächste Warteschlange einreihen.
»Irre ich mich, oder wird das hier wirklich jedes Jahr wilder?«
»Du irrst dich nicht.« Heike kichert. »Zumindest beim Osterfeuer besteht die Heilige Dreifaltigkeit nur aus Wurst, Bier und Schnaps. Das Feuer selbst taugt gerade noch für einen Handy-Schnappschuss. Prost!«
»Stopp! Nein!« Schreie aus der Menge. Zwei Männer der Freiwilligen Feuerwehr hasten zur brennenden Pyramide. Ein Kind kreischt. Die Wartenden vor dem Grillzelt vergessen ihre Sehnsucht nach Bratwurst, Katharina sowieso. Zwischen den jetzt zur Seite weichenden Menschen erkennt Harms den Grund für die Aufregung: Eine Frau hat sich zu nahe ans Feuer gewagt, Flammen erfassen bereits ihr hellgrünes Kleid. Sie schreit nicht. Sie flieht nicht. Sie steht einfach reglos da, das Gesicht dem brennenden Holzstapel zugewandt.
Dann geht alles schnell: Katharina reißt die Frau zurück, ihre Feuerwehrkollegen zerren sie ins feuchte Gras und werfen eine Löschdecke über den zitternden Körper. Harms hört, wie Heike den Notruf wählt. 112. Rettungswagen. Vermutlich unnötig, denn aus den Feuerwehrfahrzeugen am Straßenrand wird man bereits einen Notarzt alarmiert haben.
Der Friedhofsgärtner stellt seine Bierflasche auf die Betonplatten vor dem Kirchencafé und lässt die kreidebleiche Heike zurück. Es ist nicht sein Osterfeuer, er fühlt sich dennoch verantwortlich. Das Feuer. Die Flammen. Die Katastrophe, die alles an diesem Samstagabend vor den Feiertagen ändert.
»Hilf uns mal, Paul. Halte die Leute zurück.« Jens Hanke von der Freiwilligen Feuerwehr fährt sich mit der rechten Hand durchs rot angelaufene Gesicht. Harms kümmert sich sonst um das Grab seiner Großeltern, den letzten Bauern des Stadtteils. Jetzt wirkt Hanke erstaunlich hilflos.
»Wenn hier nur ein einziges Foto gemacht wird, gibt’s eine Anzeige. Ist das klar?« In der Nähe seines Friedhofs hat Harms Autorität, und so treten die Schaulustigen tatsächlich zurück und stecken widerwillig ihre Smartphones ein.
Nur den Jungen im gelben Friesennerz mit dem Rucksack muss er mehrfach ermahnen.
Schließlich kehrt wieder Ruhe ein vor dem knisternden Osterfeuer. Harms tritt neben Katharina und Jens Hanke an das reglose Bündel, das vor dem brennenden Holzstapel am Boden liegt. Eingewickelt in eine Löschdecke, die Augen aufgerissen, die schulterlangen schwarzen Locken mit einem roten Stirnband zusammengehalten und jetzt von den Flammen versengt. Die Frau lächelt Harms zu. Es ist Mariella Pelanda, seine ehemalige Kollegin bei der Mordkommission.

