Leseprobe – Sohn der Unendlichkeit


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1. Kapitel

Aus: Rekkeswynth Katatympalo u. Jossel W. Seydenblum: Die finale Entropie aller Kosmogonien oder Kryptografische Versuche in bedenkenswerten Endzeiten. Verlag Absolute Helligkeit, Port Artemis, Arrowstar 61 Cygni, Epsilon, © A.D. Juli 6793

»Seit die Suche nach der sog. Dunklen Materie aufgegeben wurde, die vorgeblich, im All verborgen, den Lauf der Galaxien und Gestirne mit ihrer Schwerkraftkomponente beeinflusst, herrscht die Furcht vor Entropie in den Gedanken, Überlegungen und Berechnungen der Astronomen und gebildeten Raumfahrer. Die Sonne strahlt ihrem Ende als Weißer Zwerg entgegen – in mehr als einer Milliarde Jahren. Zeit genug zum Nachdenken und Handeln. Grund zur Panik oder nur zur Resignation? Schwerlich! Gleichwie: Das Universum ist eine launenhafte alte Dame mit langer Vergangenheit.

Dessen eingedenk verfielen seit ca. 5750 n. Chr. Denker, Forscher, Deuter und Staatenlenker dem ehrenwerten Ansinnen, das gesamte Erbe der melancholisch gewordenen Erde dergestalt zu retten, dass sie es möglichst vielen jungen Sternvölkern zuteil werden ließ. Zunächst scheiterte der Versuch an der völligen Abwesenheit oben genannter junger Sternvölker; die Raumfahrer fanden dutzende Planeten mit prächtigen, rätselvollen kulturellen und zivilisatorischen Hinterlassenschaften, die oft nur unentzifferbare Relikte waren. Kein glückhafter Alien-Kontakt!

Wer es war, der schließlich den Schild des Daidalos/Dädalus als Sternkarte entdeckte und als einzigen, weil letzten Ausweg aus der Sinnkrise der Erde, ist schwer zu ermitteln – mithilfe vieler hintereinander geschalteter künstlicher Intelligenzen, kurz KIs, gewann man Koordinaten, Entfernungen, Sonnenspektren und Masseanomalien.

Das All ist groß und meist dunkel, schreibt La Libra, poeta planetaris. Lasst uns dort suchen, wo sich mit größter Wahrscheinlichkeit Leben regt, und sei es tentakelbewehrt, aus Silikon, flöge, schwämme oder taumle es; es wird sich eine Verständigungsart finden. Besiegt die feuchten Nebel der Melancholie mit Einfallsreichtum und Zuversicht! Recht hat er. Die Entropie, oder noch schlimmer, die Furcht davor, ist in uns! Entropie, jene dem gebildeten stellaren Laien schwer verständliche thermodynamische Zustandsgröße, Symbol für die Umkehrbarkeit eines Prozesses, Maß eines Unordnungszustandes, tritt erst nach dem letzten Fehlschlagen aller Ideen des gesamten Menschengeschlechtes ein, nach dem Aufflammen der Sonne, was noch lange dauert.

Was soll’s! Nach jenen verschwundenen Sternenschiffern um Artemis und Daidalos sind wir es, von denen die Fernraumfahrt wieder erfunden wurde, nebbich. Die Chroniken aller Sternreisen und galaktischen Ausflüge sind weiter unten in dieser Schrift zu finden – Biokloning, Genmanipulation, gezielte Veränderung der Erbmasse, mörderisches Training und gezielte Mutation ganzer Zellverbände, längst bekannte Waffen gegen Krankheit usw. wurden eingesetzt, um durch viele Generationen des Homo sapiens hindurch ein Paar herauszuformen, das jenes hoffentlich unsterbliche Erbe der Menschheit wie die olympische Fackel weiterzugeben in der Lage ist: Amaouri als schöne Urmutter eines Geschlechts einmaliger Raumfahrer und Dorian Variatio als Kurier zu fernen Sternvölkern und, später, als Urvater jener wahren Galaktiker …«

 

In dieser entscheidenden Nacht kam endlich die ersehnte Ruhe über Dorian V. Das Licht der unzählbaren Sterne flimmerte als Spiegelbild auf den Gläsern der Instrumente und über allen glänzenden Kanten. Alle Unruhe war von ihm abgefallen wie eine abgestorbene Haut. Das All, das sich auf Bildschirmen und hinter Luken ausbreitete, war glasklar. Die Sonne des Planeten, dem die Computer den hypothetischen Namen Fuega gegeben hatten, schob sich aus der Anonymität des stellaren Hintergrunds hervor, als sich das Raumschiff dem Planetensystem näherte. Es schoss dahin wie ein Gedankenpfeil; schnell und souverän gesteuert. Dorian wurde aktiv, verließ den überdimensionierten Pilotensessel und schaltete das Raumlicht an. Für einige Sekunden blieb sein Blick auf dem kristallinen Holokubus haften. Die Hand des vierunddreißigjährigen Mannes streckte sich aus und tippte die Frontscheibe des Würfels an. Das gespeicherte Programm begann abzulaufen, diesmal mit neuen Variationen. V, Variatio, war auch das Kennzeichen Dorians.

»Amaouri«, sagte er leise in die von Ticken, Summen und Schnurren erfüllte Halbstille der Kanzel hinein. »Ich wünschte, du wärest hier … und könntest mir helfen.«

Sie war nicht hier, noch würde sie ihn auf einem der Planeten begleiten können, deren Koordinaten die Petafloprechner anhand des Halsschildes des Dädalos errechnet hatten.

Aber sie war in Bild und Ton hier. Das Programm lief an und zeigte eine junge Frau, deren außergewöhnliche Schönheit nichts von ihren inneren Qualitäten erkennen ließ. Wenige Menschen – schon in diesem Wort lag für Dorian V. eine untergründige fast groteske Bedeutung – kannten Amaouri genau; er war einer von ihnen.

»Ich weiß«, sagte das dreidimensionale Farbbild, während die junge Frau sich langsam der Aufnahmeoptik näherte, »dass du in diesem Augenblick meine Nähe herbeiwünschen wirst. Das ist unmöglich, denn ich könnte auf deiner Mission mit dir nicht Schritt halten und würde dich ablenken. Aber ich weiß, Dorian, dass du der perfekteste aller Kuriere bist, die das All je gesehen hat. Nach deiner Rundreise werden wir alle Zeit dieser Welt für uns haben.«

Dieser sterbenden Welt namens Terra, dachte Dorian und löschte das Bild: Amaouris Gesicht, ganz nahe, mit lächelnden Augen und lächelndem Mund, und dahinter wurde für ihn ihre Liebe sichtbar. Nur für ihn – für keinen anderen Menschen außer ihm.

Er hob die Schultern, ließ sie unschlüssig sinken und wusste, dass auch ihre Worte und ihr Lächeln die Gefahr, die ihm von Fuega drohte, keineswegs mindern konnten. Nur er würde diesen Planeten betreten können. Eine Welt, deren flammende Zungen ihn töten konnten.

»Schließlich ist jeder ein einsamer Jäger und zugleich ein einsames Opfer einer noch größeren Jagd!«, sagte er laut. Die Worte hallten zwischen den gerundeten Wänden der Kanzel, als er diesen Raum verließ, sich eine C’amana aufbrühte und ein großes Glas eines stark aromatischen braunen Alkohols abfüllte. Dann zündete er seine letzte Zigarette vor dieser Mission an und trank Alkohol und C’amana in kleinen Schlucken. Der Autopilot nahm sämtliche Schaltungen vor und trug das Schiff fast lichtschnell auf die Sonne Fuegas zu.

»Die erste Regel. Es gibt keine schlechten Kuriere!«, sagte Dorian in fatalistischer Heiterkeit. Was getan werden musste, konnte nur er tun. Er war das Ergebnis von Millionen zielgerichteter Modifikationen und Mutationen und stellte die mathematische Spitze einer Pyramide dar, deren Basis einmal alle Menschen eines Planeten namens Erde gewesen waren. Einstmals, vor grauer Vorzeit, als es noch einen Mond und nicht statt Luna einen Ring kosmischer Trümmer gegeben hatte. Er lächelte und warf die Zigarette in den Konverter, der sie mit einem Funkenschlag in Elementarteilchen auflöste, aß verschiedenfarbige Konzentratwürfel und überdachte seine Lage. In etwa einem Tag irdischer Rechnung, der auch die Bordzeit zugrunde lag, würde er den Boden dieser planetaren Hölle betreten und dort mit seiner Mission beginnen müssen. Buchstäblich niemand wusste, was ihn dort erwartete – außer allen nur erdenklichen Gefahren.

Im Augenblick war er, was seine Wahrnehmungsfähigkeit betraf, noch ein Mensch. Ein Bewohner der Erde, der sich im »Signalraum« eines Homo sapiens aufhielt. War der Planet nahe genug vor dem Raumschiff, würde er eine Reihe von Spektren erweitern und sich der ausgeprägten Selektionsfähigkeiten bedienen müssen und einer Masse technischer und biomechanischer Spielereien, die ihn einzigartig, unersetzlich und in gewisser Weise besonders einfältig machten; er war ein Prototyp, der jede metabolische Herausforderung mit einer neuen Fähigkeit erwidern würde. Von diesen Fähigkeiten, die zum Teil als bedingte Reflexe abliefen, ahnte er nicht einmal die Hälfte. Er war selbst gespannt darauf, ob er überlebte oder starb. Niemand war da, der an seine Stelle treten konnte. Auch nicht bei Amaouri, der Unvergleichlichen. Langsam ging er zurück in den Kommandoraum seines Raumschiffs, setzte sich in die strukturierten Polster des Sessels und betätigte zwei Dutzend Schalter, Verstärker, Drosseln und Schieberegler. Seine Finger verweilten über Kontaktplatten und durchbrachen modulierende Strahlen, die unsichtbar waren, aber die er, hätte er es wirklich gewollt, selbst sehen hätten können.

Auf einem mehr als vier Quadratmeter großen Schirm erschien die plastische Wiedergabe des innersten Planeten der namenlosen Sonne. Der Autopilot hatte das Schiff dergestalt gesteuert, dass es sich der Tagseite Fuegas näherte. Aber auch die Nachtseite würde ein reichhaltiges Sortiment von gefährlichen Schrecken und tödlichen Fallen für ihn bereithalten.

»Erstaunlich!«, sagte er und betrachtete den Planeten im Bereich des normalen Sehspektrums. Eine Halbkugel im grellen Sonnenlicht. Die Atmosphäre, die das Bild verschleierte, bestand aus Gasen, die jedes irdische Leben binnen Minuten unwiderruflich vernichteten; auch ihn, wenn er unvorsichtig war. Eine Landschaft aus Kratern und Gebirgen, aus riesigen Maria, aus Schluchten, großen Seen und Flüssen aus geschmolzenem Metall, Wäldern und Steppen, die nichts anderes waren als groteske Silikonverbindungen, nach den unerforschten Gesetzen dieses Planeten gewachsen und blühend, verdorrend und samenspendend. Dorian schüttelte den Kopf und veränderte seine Sehfähigkeit in den infraroten Bereich hinaus. Ein Hitzebild erschien. Über die normalen Farben, die jeder Erdbewohner sehen und identifizieren konnte, lagerten sich die »neuen« Farben, für die nur er eine Nomenklatur entwickeln konnte. Die Flüsse aus geschmolzenem Blei bildeten Adern und Verästelungen in einem grellen Schreeyl, die Seen und das große Meer schimmerten in einem intensiven, fast mythischen Ruhb. Dorian lächelte und tippte, indem seine Finger in rasend schnellem Wirbel über eine Tastatur huschten, einen zusammengesetzten Befehl in das Eingabeelement der bordeigenen KI.

»Die Landeblase!«, sagte er leise. Rings um ihn tickte und summte es. Noch hörte er in der normalen Skala von sechzehn bis sechzehntauseneinhundert Hertz. Das Schiff verwandelte sich in einen technisch lebendigen Organismus. Die KI, die künstliche Intelligenz, speiste die Daten für einen stabilen Orbit ein, Servomaschinen machten gleichzeitig die Landeblase fertig und suchten Hilfsgeräte heraus.

»Noch zwanzig Stunden!«, bemerkte er. »Zeit für einen kurzen Schlaf – ehe die große Auseinandersetzung beginnt.«

Er erledigte sein Programm, kontrollierte die KI, die wiederum ihn kontrollierte, duschte und zog sich in seine Wohnkabine zurück. Die Liege faltete sich aus der Wand, die Unterlage blies sich auf und die Bilderwand erwachte zu farbigem und stereoskopischem Leben: Bilder von der Erde, von Dädalos’ Schild, von Amaouri und von der Schnittebene der Galaxis.

Dorian wusste, dass er dem Schiff voll vertrauen konnte, legte sich hin und regulierte die synthetische Schwerkraft neu ein; er wollte sich ausschlafen. Dann injizierte ihm die Maschine einige Kubikmillimeter feinsten Nebels; ein Schlafmittel. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf, schloss die Augen und dachte nach.

Die Worte des Sonor Quaiser, »La Libra«, gingen ihm nicht aus dem Sinn. Sie charakterisierten hervorragend ihn und seine Mission. Wer anders als Sonar hätte es so beschreiben können? Dorian grinste breit; schließlich war es Quaisers Beruf, die Dinge in luzider, geistreicher Form zu beschreiben: Wir halten Kurs auf das Universtim dank eines Zufalls, der schon fast makaber ist. Seit der Ausgrabung in den späten 2089er Jahren im Tiefengestein Kretas verjüngte sich eine wahrhaft bizarre Pyramide, deren absolute Spitze Dorian ist. Er verkörpert in sich Können, Wissen und missionarischen Eifer der sterbenden Erde, was freilich schlecht bezahlt wird, denn auch er ist nur Erbe einer unbegreiflichen Unendlichkeit der Gedanken, ein Werkzeug Terras. Irgendwo auf der Schnittebene der Milchstraße wird er jene treffen, die vor undenkbarer Zeit den Schild des Dädalos hinterlassen haben. Wen sollen wir mehr betrauern? Den Kurier der Erde oder die unvergleichliche Amaouri, die niemals wieder die Chance haben wird, einen Mann kennen zu lernen, der Dorian Variatio ähnlich ist? Das glückliche Ende der Kurierreise zu den Planeten ferner Sterne ist zumindest fraglich oder in weiter Ferne. Und, wer weiß, ob die geätzten Punkte und Striche auf dem Halsschild des Dädalos auch wirklich Sterne sind? Ich weiß es nicht. Viele, die es wissen sollten, sind misstrauisch geworden. Aber schon stimme ich, obgleich voll der Bewunderung für Dorians Mut, die Leier für den Totengesang des Trefflichen …

Dorian musste, wenn auch bedachtsam, grinsen, als diese Sequenz seine Überlegungen durchwandert hatte. Der großartig feuerfarbene Gegenbeweis hing in Form eines brennenden Planeten vor dem Raumschiff, das nun in einen stabilen Orbit gesteuert wurde. Die Rezeptoren übernahmen einen Teil der Arbeit des Kuriers – sie stellten fest, wie sehr sich Fuega von der Erde und anderen bekannten Planeten unterschied. Oder auch weniger, denn das größere Wissen würde ihm die Unbefangenheit und Naivität nehmen, die Kennzeichen eines guten Kuriers waren. Seme Gedanken wurden langsamer, die Bildfolgen wechselten träger, die Farben und Strukturen verschwammen. Einst, in einer grauen Vorzeit der Kultur, schien die Erde von Wesen aus dem Volk des klugen Dädalos besucht worden zu sein. Viele Kenntnisse waren den Menschen damals vermittelt worden. Jetzt schloss sich der Kreis: Die Erde besuchte ihrerseits Planeten, um mit Dorians Hilfe zu versuchen, Leben und Erkenntnisse, Kultur und den besten Teil der Zivilisation zu retten und weiterzugeben. Samen, die ausgestreut wurden … Dorian schlief ein.

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